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Kultur im Norden Der Krieg als Vater der Verzweiflung
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18:14 02.08.2016

Pierre Drieu la Rochelle (1893- 1945) war einer der bedeutendsten französischen Intellektuellen der 1930er und 1940er Jahre. Der mehrfach verwundete Teilnehmer des Ersten Weltkriegs tendierte nach Kriegsende zur Linken und verkehrte in den Kreisen der Surrealisten. Immer mehr aber wandte er sich dem Faschismus zu, wurde glühender Antisemit und nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Frankreich 1940 einer der wichtigsten Vertreter der „Haute collaboration“, der Zusammenarbeit mit dem NS-Regime und der von Marschall Pétain geführten Marionettenregierung in Vichy. Als Drieu 1945 nach der deutschen Niederlage vor Gericht gestellt werden sollte, nahm er sich das Leben.

In Deutschland ist das Werk Drieus nahezu unbekannt, in Frankreich ist es umstritten. Literarischen Rang kann man Drieu trotz all seiner politischen und moralischen Verfehlungen nicht absprechen.

Trennt man die Person des Autors vom Werk, dann bleiben Romane und Erzählungen, die von einem häufig hoch angesiedelten Beobachtungsposten aus das menschliche Verhalten analysieren. Das ist manchmal zynisch, arrogant und abgehoben, aber diese Schau auf die Menschen und Dinge ist im Grunde ehrlich.

Das gilt auch für die im Ersten Weltkrieg spielenden sechs Erzählungen, die Drieu zu einer Sammlung mit dem Titel „Die Komödie von Charleroi“ zusammengefasst hat und die jetzt erstmals in deutscher Übersetzung erschienen sind. Drieu zeigt den Krieg in seinen autobiografisch geprägten Texten von innen, aus Sicht eines Unteroffiziers. Es ist der Krieg der kleinen Leute, die mit großen Leuten aneinandergeraten, kujoniert werden und dennoch weiter ihre Pflicht tun. Und die sich dann darüber wundern, dass sie den Wunsch verspüren, tapfer zu sein und den deutschen Gegner zu massakrieren – ehe sie die Realität in Form einer Verwundung wieder einholt.

Drieu war im wirklichen Leben ein Dandy – die Hauptfigur seiner Geschichten ist es ebenfalls, gekleidet in rauen Uniformstoff, gequält von Dreck und Läusen. Die Frauen, mit denen er es zu tun bekommt, sind Huren aus den billigsten Bordellen. Der Realismus dieser Darstellung des Krieges und der Krieger ist beispielhaft, die vorzügliche Übersetzung von Andrea Springer und Eva Moldenhauer macht die Lektüre von „Die Komödie von Charleroi“ zusätzlich lohnend. Ein verstörendes und gelegentlich auch zu Herzen gehendes Buch. Der Krieg ist hier nicht der Vater aller Dinge, sondern der Vater der Verzweiflung.

„Die Komödie von Charleroi“ von Pierre Drieu la Rochelle, Manesse, 275 Seiten, 24,95 Euro.

Jürgen Feldhoff

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