Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Der Künstler, der Dingen Flügel verleiht
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Der Künstler, der Dingen Flügel verleiht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:12 06.07.2017
Klaus Ammann (85), Künstler aus Neustadt, in der Ausstellung in der Galerie Artler mit seiner 2017 entstandenen Arbeit „Was nun?“ (Bild links). Rechts Wandarbeiten des Jahresschaupreisträgers: „Land für Kleinbauern“, „Große Tributliste“ und „Mein Land“. Quelle: Fotos: Felix König

In der Mitte des Raumes begegnet einem Ratlosigkeit, die man umlaufen kann. An der Arbeit „Was nun?“ (2017) von Klaus Ammann kommt man nicht vorbei.

Unter einem offenen Spitzdach hockt ein Wesen, das weder Haar noch Kleidung hat, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, die wimpernlosen Augen auf etwas Unbestimmtes gerichtet. Klaus Ammann, Jahresschaupreisträger 2016 der Gemeinschaft Lübecker Künstler, zeigt in der Galerie Artler in der Lübecker Altstadt von morgen an Wand- und frei stehende Objekte.

Die Tonfigur stammt von einem Keramiker in Mexiko, das Haus aus Thailand, der Sockel von Klaus Ammann – und das Sammelsurium verschiedener kleiner Gegenstände, die sich im Haus befinden, aus Ammanns Sammlung. Vor etwa 20 Jahren hat er sich von Malerei, Zeichnung und Fotografie mehr oder weniger gelöst. Seitdem arbeitet er mit Fundstücken, die er auf seinen Spaziergängen bemerkt und aufliest. Ein plattgefahrener Auspuff gehört dazu, Holz, Metall, eigenartige Spulen. Je rätselhafter, desto besser. Gerade wenn man nicht erkennen kann, was es ist, wecken Dinge sein Interesse. Ammann sammelt sie, um sie irgendwann zusammenzusetzen und so Neues entstehen zu lassen.

Ammann, 1932 in Hamburg geboren, ist seit vielen Jahren in Neustadt/Holstein zu Hause. Von 1966 bis 1974 war er als Lehrer an der deutschen Schule in Mexiko Stadt tätig. Dann kehrte er mit seiner Familie zurück. Das Bedürfnis, fremde Länder kennenzulernen und die Reiselust aber sind geblieben.

Der Ausstellung ist dies anzusehen. Dies liegt an den Farben von Erde, die häufig dominieren. Es liegt auch daran, dass man sich in manchen Formen an afrikanische oder lateinamerikanische Volkskunst erinnert fühlt. Und es liegt auch an Ammanns Themen. 1995 wanderte er in Guatemala von Dorf zu Dorf. Dabei entdeckte er einen Friedhof, „wie ich ihn in seiner Armut und Kargheit noch nicht gesehen hatte“. Fotos, die er dort anfertigte und später bearbeitete, erinnern an das Leid der Maya. Die neueren Arbeiten „Land für Kleinbauern“ ergreifen ebenfalls Partei für die Benachteiligten, Unterdrückten, Chancenlosen.

Ammann konfrontiert Besucher mit Problemen, die weit weg zu sein scheinen, seine Arbeiten können berühren und beunruhigen, aber sie verschrecken nicht. Denn da sind ja nicht nur die Kreuze als Boten des Todes, sondern auch zarte Blüten.

Dass Ammann mit Fundsachen arbeitet, ist Teil seiner Lebenshaltung, der „ Abkehr von dem Glitzer unserer Konsumwelt, von der technischen Vernetzung und Verzweckung unseres Daseins“. Vieles sei ja schon da, sagt er. Und unverwechselbar wie auch die zum Teil blauen Hölzer, die er von einer Schiffswerft mitgebracht hat. „Man braucht nicht mehr viel zu tun“, behauptet der 85-Jährige. Im Falle der Hölzer hat er seiner Sehnsucht nach dem Fliegen Ausdruck verliehen, Flügel aus Holz ausgesägt und bemalt, das Ganze mit Federn versehen. „Abflug Halle 17“ entstand 2012.

Seit 35 Jahren ist Ammann Mitglied der Gemeinschaft Lübecker Künstler und bei vielen Gemeinschaftsschauen dabei. Einzelausstellungen in Lübeck hatte er jedoch kaum. Die Auszeichnung als Jahresschaupreisträger, die mit der Ausrichtung einer Einzelausstellung verbunden ist, bedeutet ihm auch deshalb viel.

Zu seinen Lieblingsarbeiten gehören zwei Wächter-Figuren, deren Kernstücke zwei seltsame Kästen sind, die er auf einer Müllhalde auf Kreta gefunden hat. „Mein Land“, 2014 entstanden, zeigt auf einem Stück Blech ein heimeliges Stück Erde. In der Mitte ein Mann, der eine Krone zu tragen scheint. „Das könnte ich sein“, sagt Ammann. Sieht er sich als König? „Nein, als Mensch.“

In Hamburg ausgebildet, in Neustadt/Holstein künstlerisch tätig

Klaus Ammann hat von 1954 bis 1959 an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg studiert. Bis zu seiner Pensionierung war er Lehrer in Neustadt/Holstein sowie in Mexiko Stadt.

Mit der Einzelausstellung in der Galerie Artler ehrt die Gemeinschaft Lübecker Künstler ihren Jahresschaupreisträger 2016.

Eröffnung ist am Sonnabend, 8. Juli, um 17 Uhr mit einer Einführung durch Ingaburgh Klatt. Geöffnet ist die Schau bis zum 26. August. Große Burgstraße 32.

Liliane Jolitz

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Menschen mit wenig Geld können sich Theater oder Konzerte oft nicht leisten. Dank der Kulturtafel geht es doch. Und der Bedarf ist groß.

06.07.2017

Dweezil Zappa (Foto), Sohn der Musiklegende Frank Zappa und Stargast des diesjährigen Rockfestivals Zappanale, kurbelt den Kartenvorverkauf an. Das bestätigte Zappanale-Sprecher Thomas Weller.

06.07.2017

Wie es ist, sich nicht nur herumgeschubst zu fühlen, sondern es auch zu werden, wird an diesem Theaterabend deutlich. Quälend lange sogar.

06.07.2017
Anzeige