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Der Landvermesser im Gruselkabinett

Hamburg Der Landvermesser im Gruselkabinett

Großer Beifall für Premiere von Kafkas „Schloss“ in Hamburg – Regisseur will das Drama mit Flüchtlingsthema verknüpfen.

Groteske Figuren: Die Schauspieler Jörg Pohl (v.l., Thomas Niehaus, Andre Szymanski, Lisa Hagmeister, Mirco Kreibich und Paul Schröder.

Hamburg. Tausendmal interpretiert, nie enträtselt. Unmöglich wohl, das Dunkel wirklich zu erhellen, das Franz Kafkas Romanfragment „Das Schloss“ undurchschaubar verdüstert. Vergeblich nun auch der Versuch des Regisseurs Antú Romero Nunes, dem nahezu 100 Jahre alten Erzählwerk per Bühnenkunst neue Einsichten abzugewinnen. Immerhin: Seine bei der Premiere vom Publikum lautstark beklatschte Inszenierung am Thalia Theater macht sichtbar, was sonst fast immer unter dem Geröll tiefsinniger Deutungen verschwindet: die Komik des Romans.

Allerdings buchstabiert sie der Regisseur ganz anders als der Autor. Statt Komik heißt es bei ihm Comic. Was bei Kafka eben auch ein Blick in den Abgrund ist, ist bei Nunes die entfesselte Lust am grotesk komödiantischen Spiel, gespielt von bizarren Gestalten mit aufgeblähten Bäuchen, schwabbeligen Fettwülsten, bleich glotzenden Gesichtern. Ein Gruselkabinett. Was aussieht wie Kreaturen aus einer Fantasy-Hexenküche (Kostüme: Victoria Behr), ist die Dorfgemeinschaft jenes Ortes, in dem Kafkas Protagonist K. in winterlicher Kälte ankommt, um eine Stelle als Landvermesser in gräflichen Diensten anzutreten. Er wird scheitern.

K. kommt nicht einmal an bei der debil wirkenden Dorfgemeinschaft, die er anfangs verachtet, später aber, als seine Kräfte schwinden, irgendwie doch zu achten beginnt. Zunächst aber ist dieser K. auf der Bühne gar nicht vorhanden. Deshalb schreien die aufgebrachten Dörfler ihren Fremdenhass („Wir brauchen keinen Landvermesser“) mitten hinein ins Publikum, wo die Aggression aber eher als Ulk aufgefasst wird. Sollte Nunes jemals vorgehabt haben, Kafkas Drama des verzweifelnd alleingelassenen Menschen mit dem aktuellen Flüchtlingsthema zu verknüpfen, ist es gründlich schief gegangen. Folge einer alles andere wild überwuchernden Komik.

Irgendwann im letzten Drittel des Abends steht K. dann doch noch leibhaftig auf der Bühne, eingeführt im Rahmen einer Schultheateraufführung unter der Leitung des außen wie innen verwahrlosten Dorfschullehrers (Thomas Niehaus). Da ist K. (Mirco Kreibich) einer unter fünf weiteren Schülern, bis er vom Lehrer aus nichtigem Anlass brutal zusammengeschlagen und seiner Kleider beraubt wird.

Nackt bis auf die Unterhose wird K. irgendwie doch zu einer echten Kafka-Figur, und durch die ganze Inszenierung geht ein Riss. Die abrupte Hinwendung zu einer gewissen Ernsthaftigkeit kommt spät – zu spät. Schlicht naiv zu glauben, man könne gleichsam in letzter Sekunde den Schleudergang einschalten, um schnell noch eine schlüssige Kafka-Deutung zu produzieren.

Dennoch gibt es in den letzten zwanzig Minuten Szenen, die haften bleiben. Unglaublich akrobatisch, wie Kreibichs K. den Rücken zur Brücke extrem verbiegt, um dann auf Händen und Füßen wie eine Spinne über die Bühne zu laufen. Eine existenzielle Verwandlung wie die Gregor Samsas in Kafkas berühmter Erzählung. Und auch das finale Bild bleibt: K. nackt im Schneesturm, auf der Stelle tretend und dann verschwindend, als wäre er nie gewesen. H. Hofer

Nächste Vorstellungen: 10. Juni (20 Uhr), 11. Juni (15 Uhr). Karten: 040/32 81 44 44.

LN

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