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Der Maler, der zu fesseln verstand

Hamburg Der Maler, der zu fesseln verstand

Édouard Manet als Wegbereiter der Moderne – die Hamburger Kunsthalle widmet dem Maler eine Ausstellung.

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„Manet – Sehen“: Das Gemälde „Frühstück im Atelier“ (1868), vorn Léon, der möglicherweise der illegitime Sohn des Künstlers war.

Hamburg. Er war der Skandalmaler seiner Zeit. Édouard Manet (1832-1883) wollte beachtet werden, und er wusste, wie er Aufmerksamkeit auf seine Bilder lenken konnte. Die Künstlichkeit der Salonmalerei war ihm ein Graus. Und er malte nicht nur Angehörige der oberen Schichten, sondern auch Kurtisanen, Bettler oder Tänzerinnen – nicht in untertäniger Pose, sondern selbstbewusst auftretend.

Über 60 Arbeiten des Künstlers werden in der Hamburger Kunsthalle präsentiert, darunter einige seiner Meisterwerke wie „Nana“ (1877), „das Frühstück im Atelier“ (1868) und „Der Balkon“ (um 1868/69).

Kunstmuseen in aller Welt haben Leihgaben zur Verfügung gestellt. Drei Gemälde stammen aus dem Besitz der Kunsthalle Hamburg, darunter „Nana“.

Manet hatte das Bild für die Pariser Salonausstellung eingereicht. Die Konkurrenz dort war groß. Die Salons waren Massenspektakel, auf denen Tausende Werke gezeigt wurden. „In allen Räumen hingen Gemälde dicht an dicht bis unter die Decke. . . . Nicht nur Manet sorgte immer wieder für Eklats – auch andere Künstler verstanden sich darauf, Aufmerksamkeit zu erregen und das Publikum zu provozieren“, ist in der Ausstellung über die Zustände zu erfahren, die dort herrschten.

„Nana“, das Bildnis einer jungen aufrecht vor einem Spiegel stehenden Frau in Unterwäsche, fand bei der Jury keine Gnade. Das Gemälde erschien ihr zu unzüchtig. Deshalb stellte Manet es im Schaufenster eines Luxuswarengeschäftes aus – und provozierte Menschenaufläufe, das Kunstwerk wurde mit Hohn und Spott aufgenommen.

Das war der Künstler bereits gewohnt. Sein Gemälde „Olympia“ hatte 1865 für einen Kunstskandal gesorgt, das Bildnis einer bis auf einen Schuh und ein Armband nackten liegenden Frau gleichermaßen Bürger wie Kritiker empört. Das Gemälde ist in Hamburg zwar nicht im Original zu sehen, der Skandal aber wird ausführlich thematisiert. „Die Menge drängte sich wie im Leichenschauhaus vor der verwesenden Olympia von Monsieur Manet. Eine derart heruntergekommene Kunst verdient nicht einmal mehr, dass man sie tadelt“, schrieb Paul de Saint-Victor Ende Mai 1865 in „La Presse“.

Was aber wurde an „Nana“ als anstößig empfunden? „Die Kleidung ist nicht entscheidend“, sagt Hubertus Gaßner, Direktor der Hamburger Kunsthalle und Kurator der Ausstellung. Ausschlaggebend sei, dass die Dargestellte nicht Gegenstand männlicher Betrachtung sei. Ganz im Gegenteil: „Sie guckt uns an!“ Dass Betrachter dadurch zwangsläufig die Rolle des distanzierten Beobachtens verlieren und eine Interaktion zwischen ihnen und dem Bild stattfindet, ist neu in der Kunst damaliger Zeit – und ein Grund, Manet als einen der bedeutendsten Wegbereiter der Moderne zu betrachten.

Der Maler wurde im Januar 1832 als Sohn eines hohen Justizbeamten in Paris geboren, die Mutter entstammte einer vermögenden Diplomaten-Familie. Édouard mochte nicht – wie vom Vater gewünscht – beruflich in dessen Fußstapfen treten. Aufgrund seines familiären Hintergrunds hatte er, obwohl als Künstler zunächst nicht besonders erfolgreich, zwar keine materielle Not zu leiden. Sein Wunsch nach Erfolg, Beachtung und der Gunst des Publikums aber war mächtig. Er wollte das Publikum fesseln. Dabei habe er bisweilen auch den Pfad der Ehre verlassen, befand 1869 zwar der Rezensent Marius Chaumelin: „Für ihn geht es allein darum, dass das Publikum seine Gemälde bemerkt. Er schreckt daher vor keiner Kühnheit – ich würde sogar sagen vor keinem exzentrischen Einfall zurück, um Aufmerksamkeit zu erregen.“

Dieser Kühnheit ist es aber zu verdanken, dass Manet in der Malerei eine kleine Revolution ausgelöst hat – und ein Besuch der Hamburger Ausstellung ein Erlebnis ist.

Termine zur Ausstellung

„Manet – Sehen. Der Blick der Moderne“ ist bis zum bis 4. September in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Öffentliche Führungen gibt es jeden Sonnabend (15 Uhr) und Sonntag (12 Uhr). Kinderführungen sonnabends um 15 Uhr, Familienführungen sonntags um 15 Uhr.

Zur Ausstellung gibt es ein umfangreiches Begleitprogramm, am 10. und 11. Juni „Nana“, einen szenisch-literarischen Abend mit Johanna Wokalek.

Liliane Jolitz

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