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Der Mann, der die Massen lockt

Der Mann, der die Massen lockt

Mit einer Band im Schulzentrum fing es an, heute ist Folkert Koopmans Europas größter Festival-Veranstalter.

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Folkert Koopmans (52).

Quelle: Fotos: Dapd/dpa

Lübeck. Die Band war jung und ihre Musik sperrig. Folkert Koopmans gefiel sie nicht recht. Er sah „kein Potenzial“, sagte er. Das war ein Fehler. Die Band hieß Radiohead und sitzt heute auf einem der goldenen Throne im weiten Reich der Rockmusik.

Das ist ihm nicht oft passiert, dem Mann aus Ostfriesland. Sonst wäre er nicht der Chef von FKP Scorpio geworden, Veranstalter von Open Airs wie dem „Hurricane“ in Scheeßel und dem „Southside“ in Baden-Württemberg. Sonst wäre er heute nicht der größte Festivalmacher Europas, der für Hunderttausende den Sommer inszeniert, der Bruce Springsteen und David Bowie auf die Bühne gebracht hat, Rammstein, The Cure und R.E.M. Sonst würde er nicht Tourneen veranstalten mit den Foo Fighters oder Face No More und nicht das Gourmet-Theater Palazzo dirigieren. Und begonnen hat alles vor 35 Jahren mit einer Band namens Amuthon in einem Schulzentrum im ostfriesischen Marienhafe.

Amuthon ist eine alte Bezeichnung für Emden, am Bass stand ein Mann namens Elso Schweinebraten, der heute Jensen heißt. Koopmans hatte das Konzert veranstaltet, drei Mark Eintritt, 250 Mark Überschuss, so fing das an. Er hat dann Konzerte in einem Jugendzentrum gemacht, für die Emder Nordseehalle Plakate geklebt, war Ordner und hat auf der Bühne gejobbt. Er hatte Industriekaufmann gelernt, ging nach Hamburg, machte Programme für die Große Freiheit, das Docks und gründete 1990 seine eigene Firma: FKP Scorpio – Folkert Koopmans Productions, und Skorpion ist sein Sternzeichen.

Er machte viel Blues und Reggae anfangs, eine Nische. Er verdiente einiges Geld mit dem dunklem Wave-Rock von Anne Clark und dem sonnigen Pop von Inner Circle. Dafür lief anderes nicht so gut. Es waren die Mühen der Ebene, und sie zogen sich hin. Aber als er nach einem unerwarteten Erfolg mit den Backstreet Boys 1997 das erste „Hurricane“-Festival in Scheeßel veranstaltete, hatte er etwas Großes in die Welt gesetzt.

Es hatte dort auf dem Eichenring schon vorher Festivals gegeben, 1977 etwa, als die Bühne nach einem kompletten Planungschaos in Flammen aufging. Und nicht nur deshalb galt es als verbranntes Gelände. Aber Koopmans ließ sich nicht irritieren. Das Open Air wurde größer und größer, und inzwischen kommen jedes Jahr etwa 70000 Leute.

Und es ist nur eines von 16 Festivals, die er heute veranstaltet: in Deutschland und der Schweiz, in Österreich, Dänemark, Schweden und den Niederlanden. Er beschäftigt mehr als 100 Mitarbeiter, der Jahresumsatz liegt jenseits von 100 Millionen Euro, von seinem Büro sieht er auf den Hamburger Hafen, und mit CTS Eventim ist im Jahr 2000 ein Branchenriese bei ihm eingestiegen. Von den Mitarbeitern der ersten Stunde jedoch ist niemand mehr dabei. „Schön ist das nicht“, sagte er dem Magazin „brand eins“, „aber ohne eine gewisse Härte geht es leider nicht.“

Festivals und Konzerte finden heute in einem anderen Umfeld statt. Die Bands verdienen vor allem mit Live-Auftritten, nicht mehr mit ihren Alben. Das treibt die Preise hoch. Im vergangenen Jahr sprach Koopmans in einem Interview von der „magischen 150-EuroGrenze“, unter der sie „immer“ bleiben möchten. Und er sagte, es könne „nur Verlierer geben“ beim Preiskampf um die großen Bands. Dabei sind Festivals „die Goldgrube des Live-Markts“, so der Autor und Konzertveranstalter Berthold Seliger, „zumindest wenn man es richtig angeht“. Koopmans hat trotz einiger Flops wie dem „Area4-Festival“ offenbar eine Menge richtig gemacht. Und er hat beizeiten erkannt, dass die Besucher heute nicht nur Musik, sondern auch Komfort wollen. So hat er unter anderem den „Rolling Stone Weekender“ in Weissenhäuser Strand etabliert, ein Indoor-Festival für die reifere Generation, und beim „Hurricane“ kann man man auch gediegene Unterkünfte auf dem Gelände buchen. Er selbst muss nicht alle Bands mögen, die auf seinen Festivals spielen, sagt er. Aber zu seinen Geschäftspartnern brauche er einen guten Draht: „Ich bin einfach zu alt, um mit Idioten zusammenzuarbeiten.“

Jetzt startet die Open-Air-Saison

Mit „Rockavaria“ im Münchner Olympiastadion und dem Zwillings-Open-Air „Rock im Revier“ in Dortmund beginnt an diesem Wochenende die Festival-Saison. Unter anderem spielen Slayer, Iron Maiden und Beyond the Black.

Rund 300 Musik-Festivals stehen in Deutschland jährlich auf dem Programm, davon mehr als die Hälfte mit Rock- und Popmusik. Im Jahr 2013 lagen die Umsätze bei 337 Millionen Euro, neuere Zahlen liegen derzeit nicht vor. „Das hat aber ganz sicher zugenommen. Überall sind neue Festivals entstanden, und das Interesse an Live-Events nimmt immer noch zu“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der Veranstaltungswirtschaft, Jens Michow.

Nicht alle Festivals sind erfolgreich. Die Deutsche Entertainment AG (Deag), Veranstalter von „Rockavaria“ und „Rock im Revier“, scheint sich mit dem Kartenverkauf in diesem Jahr etwas schwer getan zu haben. Zumindest machten sie um die Verkaufszahlen noch ein großes Geheimnis, als die Konkurrenz von „Rock am Ring“ und „Rock im Park“

schon Zehntausende verkaufte Tickets meldete. 2015 hat die Deag einen Verlust in zweistelliger Millionenhöhe gemacht, so Deag-Chef Peter Schwenkow. Dieses Jahr soll die schwarze Null stehen.

Solche Sorgen hat man in Wacken längst nicht mehr. Das Heavy-Metal-Festival am ersten Augustwochenende ist längst ausverkauft.

Peter Intelmann

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