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Der Marathon-Mann der Violine

Lübeck Der Marathon-Mann der Violine

Nigel Kennedy begeisterte das Publikum in der MuK- Rotunde mit dreieinhalb Stunden Musik.

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Nigel Kennedy (l.) bot in der Rotunde der MuK ein Crossover-Konzert von wagnerschem Format.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Was will der kleine Spät-Punk eigentlich? Das Publikum veralbern oder ins Koma treiben? Will er ernsthaft Musik machen? Aus alter Musik neue Klänge formen?

Was ich aber immer noch nicht

hören kann, ist Country und Western.

Und ich mag Mozart nicht wirklich.“ Nigel Kennedy

Man weiß das nicht genau bei Nigel Kennedy. Aber seine Konzerte gehören nicht nur wegen ihrer Länge zu denen, die man nicht so schnell vergisst. Der Abend in der ausverkauften MuK-Rotunde wird sich bei den Zuhörern einprägen – ein solches Spektakel bekommt man nicht häufig geboten.

Wenn man ein solches Event beschreiben will, tut man gut daran, die Geschehnisse erst einmal zu benennen. Die Fakten: Nigel Kennedy trat gemeinsam mit der russischen Kammerphilharmonie St.

Petersburg und einer großartigen Rhythmusgruppe aus zwei Gitarristen, einem Kontrabassisten, einem Pianisten und einem Schlagzeuger auf. Die Orchestermusiker trugen Frack, die Rhythmiker Schwarz, der Meister dezent verlotterte Punk-Mode. Nach einer Anmoderation, die keinen Kalauer ausließ, erklang dann Musik. Und wie. Mit dem Solo-Cellisten des Orchesters, der ernsthaft verwirrt wirkte, ging es im Höllentempo hinein ins Programm. Es folgten vier „Dedications“ (Widmungen) an Musiker, die Nigel Kennedy viel bedeuten: der Jazz-Gitarrist Jarek Smietana, der Jazzmusiker Stéphane Grapelli, der Geiger Isaac Stern und der Fiddler Mark O’Connor. Ein wilder stilistischer Mix erklang, Alt und Neu zusammengeworfen und zu einer Klang-Collage geknetet, die zwischen hochgradigem Kitsch und einer wunderbaren Hommage an Grapelli und sein Ensemble Hot Club de France reichte. Wilde Musik zum großen Teil, nicht immer wirklich virtuos, aber immer virtuos klingend. Und zwischen den einzelnen Stücken immer wieder Moderationen von Kennedy, in denen der gebürtige Engländer aus Brighton sich zum Beispiel über schottische Fußball-Torhüter lustig machte. Oder über das spärlich ausgestattete Drum-Set seines Schlagzeugers. Das erinnere ihn an die britische Wirtschaft nach dem Brexit. Na ja.

Nach der für Musiker wie Zuhörer verdienten Pause dann eine von Kennedy arrangierte Fassung der „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Vivaldi? Ob der Komponist mit diesen rasenden Tempi etwas hätte anfangen können, sei dahingestellt. In den von Nigel Kennedy an- und eingefügten Passagen swingte es gewaltig, Fusion- und Jazz-Elemente waren zu hören, besser gesagt: Es gab kaum einen musikalischen Stil, der nicht zu hören war. Witzig war das über weite Strecken, wenn nach jauchzenden Jazz-Kantilenen dann plötzlich der raue Winter erklang. Kennedy weiß genau, was er tut, ob man das mag, ist eine ganz andere Frage. Ebenso die, ob er wirklich nicht mehr so gut Geige spielt wie früher oder ob das zum Programm gehört.

In den Zugaben erwies er dann seinem Hero Jimi Hendrix die Ehre. Wie aus dem Nichts ertönte plötzlich der berühmteste Tritonus der Rockmusik aus dem Intro von „Purple Haze“ – immer wieder ein Erlebnis. Am Ende aber fand Kennedy nach mehr als dreieinhalb Stunden zurück zu den Wurzeln. Er verabschiedete sich mit einer Bach-Sarabande vom aus dem Häuschen geratenen Publikum.

Jürgen Feldhoff

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