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Kultur im Norden Der Meister ließ es wieder knarzen
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20:31 21.10.2013
Bob Dylan ist auch schon 72 Jahre alt.
Hamburg

Nein, ein Belcanto-Interpret wird Robert Allen Zimmermann alias Bob Dylan in diesem Leben wohl nicht mehr. Seit langem hat er es angesichts der in Mitleidenschaft gezogenen Stimmbänder aufgegeben, seinen Titeln so etwas wie eine Melodie abzutrotzen. Zwei Jahre nach seinem letzten Auftritt an der Elbe — das neue Album „Tempest“ und Teil 10 einer Bootlegserie sind inzwischen erschienen und haben sich glänzend verkauft — hat der kauzige Barde sich das gemütliche Hamburger CCH für zwei Konzerte ausgesucht. Seinem Markenzeichen, Titel bis zur Unkenntlichkeit zu sezieren und zu verfremden, um sie dann in gewöhnungsbedürftigem rachitischen Gebelfer vorzutragen, bleibt er auch diesmal treu.

Mit der maroden Aura der in die Jahre gekommenen Mehrzweckhalle CCH scheint dies jedoch bestens zu harmonieren. „Times are changing“, schnarrt der 72-Jährige heiser, aber deutlich wohlklingender als noch vor zwei Jahren. Er stellt existenzielle Fragen wie „What good am I?“ und verschanzt sich immer mal wieder hinter dem Keyboard. Vor dem schwarzen Vorhang ist die schmale Gestalt mit der buschigen Lockenpracht manchmal nur mit Mühe zu erkennen. Dylan trägt ein schwarzes Hemd mit weißen Applikationen. Die perfekt eingespielten Begleitmusiker kredenzen einen Klangteppich aus Blues, Country und Boogie-Woogie und halten sich ansonsten diskret im Hintergrund.

Im Mittelpunkt der Setlist stehen Titel von „Tempest“, dem 35. Album in Dylans Karriere, erschienen 50 Jahre nach dem Debüt. Auf diesem Album zeigt sich Dylan wieder voll und ganz als distanzierter Geschichtenerzähler. Dazu passt die merkwürdige Phrasierung des Jahrhundertmusikers aus Minnesota überraschend gut. Der unbequeme Folkrocker rezitiert knarzend und schnurrend wie aus einem Märchenbuch, scheinbar erstaunt über das Vorgetragene, mit nach oben weisender Sprachmelodie wie nach einer Frage.

Sparsam eingesetzte Scheinwerfer sorgen für schummriges Licht. Dylan wirft bizarre Schatten, einmal flackern weiße Punkte über die Leinwand. Der Abend atmet die Intimität eines Pariser Nachtclubs.

Publikumskontakt gibt es erwartungsgemäß — bis auf eine dahingenuschelte Pausenansage — keinen. Vielmehr scheinen die Zuschauer ein unvermeidbares Übel für den Veteranen zu sein. Alexander Bösch

LN

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