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Der Mensch im Sog negativer Macht

Lübeck Der Mensch im Sog negativer Macht

„Faust – ein entfesselter Prometheus?!“ – ein großer Abend mit Schauspieler Klaus Maria Brandauer und Pianist Sebastian Knauer im Kolosseum in Lübeck.

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Pianist Sebastian Knauer und Schauspieler Klaus Maria Brandauer im Kolosseum.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Bewegend. Anders lässt sich der Abend mit Schauspieler Klaus Maria Brandauer und Pianist Sebastian Knauer kaum fassen. Eine selten so erlebte Tiefe hatte die musikalische Lesung „Faust – ein gefesselter Prometheus?!" im gut gefüllten Lübecker Kolosseum. Unüblich für Lesungen ist es, dass Zugaben gegeben werden. Mit je einer von Pianist und Schauspieler wollte das Lübecker Publikum die Künstler nicht gehen lassen. Der lang anhaltende Beifall holte die beiden dann nochmals auf die Bühne.

Der Pianist spielte und dann sprach Brandauer. Es klang erst wie ein Poem, so fein gesetzt waren seine Worte, doch es waren frei gesprochene Sätze mit einem ganz direkten Blick in das schweigend hochschauende Publikum. Er sei sehr beglückt, solche Abende wie diesen in Lübeck gestalten zu dürfen, schätze Menschen, die Literatur und Musik liebten, und habe während der gesamten Lesung den Eindruck gehabt, er sei mit dem Publikum im Dialog.

Er war es. Vom ersten Moment an hatten die Künstler ihre Hörer mit hineingezogen in die Welt des „rebellischen Fausts“, den Brandauer als Figur quer durch die Jahrhunderte beleuchtete und auch im modernen Menschen wiederfand, als einen, „der sich mit einer negativen Macht verbündet, um seine Ziele zu erreichen“. Immer wieder schlug Brandauer von Faust den Bogen zum ebenfalls tragischen Prometheus, „dem anmaßenden Gott“, dem Menschenfreund und Kulturstifter, der Göttervater Zeus „Entscheidendes für die Menschheit abtrotzt“, indem er das Feuer auf die Erde bringt. Das Teuflische, das in die Tiefe zieht, trat als dritte Komponente hervor.

Die Lesung war wie ein großes Rondo aufgebaut. Goethes Faust war zentral, unterbrochen durch Werke von Magister Georgius Sabellicus Faustus, Thomas Mann, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger, Adelbert von Chamisso oder George Byron.

Die Bühne wurde hinten und an den Seiten durch einen schwarzen Vorhang in einen dunklen Raum verwandelt, der durch die Scheinwerfer merkwürdig bläulich schimmerte. Es gab einen einfachen Holztisch, darauf Bücher, den Flügel und sonst nichts. Keine Blume, nur die Worte und die Musik.

Pianist Sebastian Knauer spielte dezent und ergreifend. Sehr beeindruckend war vor allem seine Deutung von Franz Schuberts Impromptu op. 90 Nr. 2. Virtuos perlten die Läufe, so, als wäre das alles kinderleicht. Einen Schauer erzeugte Goethes Ballade „Der Erlkönig“, die Brandauer las und Knauer mit dem Klavierpart aus Schuberts Vertonung unterlegte. Eine wahre Meisterleistung in Rhythmus und Ausdruck.

In der Lesung ging es um den anmaßenden Gott und den herausfordernden Faust. Beide Künstler waren das ganze Gegenteil. Sie wirkten durch ihr großes Talent und durch ihre Bescheidenheit. Es stimmt schon. Wahre Größe braucht keine Eitelkeiten.

Begegnungen zwischen Musik und Literatur

Klaus Maria Brandauer (73), international erfolgreicher Schauspieler aus Österreich, ist seit 1972 Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters. Eine seiner Glanzrollen im Kino war 1981 die Hauptrolle des Hendrik Höfgen in dem deutsch-ungarischen Filmdrama „Mephisto“ von István Szabó nach dem Roman von Klaus Mann. Seit Langem widmet sich Brandauer musikalisch begleiteten Lesungen. Diese gehören auch zum Repertoire des 1971 in Hamburg geborenen Pianisten Sebastian Knauer. Knauer hatte gemeinsame Auftritte mit Gudrun Landgrebe, Hannelore Elsner und Martina Gedeck.

Cornelia Schoof

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