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Der Pate des Rock’n’Roll

Lübeck Der Pate des Rock’n’Roll

Chuck Berry ist mit 90 Jahren gestorben – Ohne ihn wäre die Rockgeschichte anders verlaufen.

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Roll over Beethoven: Berry 1986 beim Konzert zu seinem 60. Geburtstag, bei dem er auch mit Keith Richards spielte, einem seiner größten Fans.

Quelle: Fotos: Imago (2)

Lübeck. Er stammte aus Louisiana, aus der Nähe von New Orleans. Er lebte dort irgendwo in den Wäldern in einer Hütte aus Erde und Holz. Er konnte nicht gut lesen und schreiben, aber er spielte Gitarre wie ein Teufel. Er saß im Schatten unter einem Baum neben den Gleisen, wenn die Züge vorbeirollten. Seine Mutter sagte: „Eines Tages werden die Leute von weither kommen, um dich zu hören“, und sein Name war Johnny B. Goode.

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Chuck Berry ist mit 90 Jahren gestorben – Ohne ihn wäre die Rockgeschichte anders verlaufen.

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Eigentlich war sein Name Charles Edward Anderson Berry, genannt Chuck. Aber der Johnny aus den Wäldern, das war auch er. Ein schwarzer Junge, der mit der Gitarre umgehen konnte wie kaum ein anderer.

Und der etwas in Bewegung bringen sollte, was immer noch nicht an sein Ende gekommen ist. Sie nannten es Rock’n’Roll damals, und es war eine Sensation.

Es war eine simple Geschichte, die Chuck Berry in „Johnny B. Goode“ erzählte. Sie tauchte später so oder so ähnlich in unzähligen Songs auf. Was soll ein armer Junge schließlich auch anderes tun als in einer Rock’n’Roll-Band zu singen, fragten die Rolling Stones in „Street Fightin’ Man“. Die Stones, zu deren Evangelium vor allem die Stücke Chuck Berrys gehörten, den sie als junge Band in den USA bei Chess Records in Chicago auch trafen und der ihnen sagte: „Weiter so, Gentlemen. Sie klingen ausgesprochen gut, wenn ich das so sagen darf.“

Chuck Berry hatte die Sache losgetreten. Ein paar Jahre früher schon, mit seiner ersten Single „Maybellene“ von 1955. Es folgten in rascher Folge weitere Hits. „Johnny B. Goode“ jedoch von 1958 hatte den „großartigsten explosiven Anfang im Rock’n’Roll“, schrieb der amerikanische Poptheoretiker Greil Marcus.

Kaum hatte er begonnen, war der Song auch schon wieder vorbei. Er kam sofort zur Sache mit diesem Gitarrenangriff. Nach sechs Sekunden stieß die Band dazu, nach zwei Minuten und vierzig Sekunden waren sie fertig. Aber es reichte, um eine Generation ins Mark zu treffen und ganze Gesellschaften zu verändern. Pete Townshend von The Who beschrieb es später so: „Mutter ist soeben die Treppe runtergefallen, Dad hat sein ganzes Geld beim Hunderennen verloren, das Baby hat TBC. Der Knabe mit dem Transistorradio kommt rein, vergnügt Chuck Berry hörend.“ Denn darum gehe es natürlich: „Wenn du dir einen Rocksong reinziehst, weißt du, so solltest du eigentlich dein ganzes Leben verbringen.“ Tom Waits sagte es knapper: „Die 50er gaben uns Joe McCarthy, den Korea-Krieg – und Chuck Berry!“

Chuck Berry war Ende 20, als ihn der Blues-Pate Muddy Waters überredete, zu Chess Records zu gehen. Er war eigentlich schon zu alt, um über die Schule, Autos und süße Sechzehnjährige zu singen. Aber es waren die Themen, die die jungen Leute interessierten. Also waren es auch seine Themen.

Und er schaffte es, als schwarzer Musiker auch weiße Jugendliche zu begeistern. Die USA in den Fünfzigerjahren, das war eine nach wie vor gespaltene Gesellschaft. Es sollte bis 1964 dauern, ehe US-Präsident Lyndon B. Johnson den „Civil Rights Act“ unterschrieb. Jenes Gesetz also, mit dem Schwarze in Hotels, Kinos, Einkaufszentren, Bädern, Bibliotheken und anderen Einrichtungen nicht mehr abgewiesen werden durften. Chuck Berrys Songs schlugen da früh eine Brücke. Und es ist viel schwarzes Selbstbewusstsein im Spiel, wenn der Jazzmusiker Miles Davis sagt: „Aber okay, schließlich weiß

jeder, dass alles mit Chuck Berry anfing und nicht mit Elvis.“

Am Sonnabend ist Chuck Berry gestorben. Er wurde 90 Jahre alt. In den letzten Jahren hat er einmal im Monat mit seiner Band im Restaurant Blueberry Hill in St. Louis gespielt. Mit ihr hat er auch ein neues Album aufgenommen, das erste seit fast vier Jahrzehnten. Er hat es seiner Frau gewidmet, „meiner geliebten Toddy“. Er habe sehr lange daran gearbeitet, sagte er. „Jetzt kann ich endlich die Schuhe an den Nagel hängen.“

Gefängnis und Hall of Fame

Chuck Berry wird am 18. Oktober 1926 in St. Louis geboren. Er ist 15, als ihn ein Freund bei einem Schulmusical auf der Gitarre begleitet und er beschließt, selbst Gitarre zu lernen. Er spielt in verschiedenen Bands und veröffentlicht 1955 mit „Maybellene“ seine erste Single – ein Hit. Es folgen weitere wie „Roll over Beethoven“, „Rock and Roll Music“ und „Sweet Little Sixteen“. Er ist ein Star, aber er kollidiert auch immer wieder mit dem Gesetz: Raubüberfall, Steuerhinterziehung, Pornografie, Drogen, verbotenes Tun mit einer 14-Jährigen – er landet wiederholt im Gefängnis. 1986 wird er in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, als Erster vor all den anderen.

Peter Intelmann

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