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Der Pianist in der Nebenrolle rettet den Abend

Lübeck Der Pianist in der Nebenrolle rettet den Abend

SHMF-Konzert im Theater Lübeck mit dem brillanten Porträtkünstler András Schiff und einigen weniger erfreulichen Auftritten.

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„Theater versöhnt uns mit dem Leben“

Nobel und souverän: András Schiff ersetzte im Großen Haus des Theaters Lübeck mit seinem Flügel ein ganzes Orchester.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Leger, fast schon nachlässig gekleidet betrat der Oboist Heinz Holliger (77) die Bühne des Lübecker Theaters, an seiner Seite im maßgeschneiderten Gehrock der Pianist Sir András Schiff (62). Die beiden Musiker kennen und schätzen sich seit vielen Jahren. Als musikalisches Entree standen Robert Schumanns Romanzen für Oboe und Klavier op. 94 auf dem Programm.

Der Abend begann damit befremdlich, denn der Unterschied zwischen dem brillanten Pianisten und seinem Duopartner war immens. Holliger bewältigte die erste Romanze noch recht souverän. Sein schöner Ansatz und der klare Klang offenbarten den Profi von einst. Aber bald fingen massive Atemprobleme an. Der Oboist kämpfte mit der Luft, musste ständig nachatmen, hatte einen hochroten Kopf und wirkte derart angespannt, dass der Blick zur Bühne belastend war. Traurig ist es, wenn ein Künstler den rechten Zeitpunkt zum Abschied verpasst hat, wenn die Bühne und der Applaus für ihn wichtiger sind als ein kritischer Blick auf die eigene Leistung.

Bitter ist es, wenn sich Mitleid in den Applaus mischt, wenn man zugesteht, dass die Oboe ein Instrument ist, das viel Kraft kostet, wenn man beginnt, Schwächen zu entschuldigen, weil der Künstler einmal zu den Großen seines Metiers gehört hat.

Durchwachsen ging es auch weiter. Robert Schumanns „Requiem für Mignon“ für Soli, Chor und Klavier op. 98b und „Der Rose Pilgerfahrt“ op. 112 für die gleiche Besetzung krankten an Verschiedenem.

Zunächst war da die Auswahl der Solisten. Der Stern des Abends war Anna Lucia Richter, die die Mignon und die Rose sang. Ihre klare, helle, fast glockenartige Stimme schwang sich mühelos in höchste Höhe und konnte die romantische Melancholie der Werke hervorragend zeigen. Britta Schwarz (Mezzosopran) und Werner Güra (Tenor) brachten eine solide Leistung, fielen aber gegen ihre junge Kollegin stark ab, wirkten eher routiniert als inspiriert. Robert Holl (Bass) knödelte sich mit würdevoller Attitüde durch seine Partie.

Das war nicht das Niveau, das das Schleswig-Holstein Musik Festival gewöhnlich bietet. Angenehm war hingegen der ausgewogen singende Deutsche Kammerchor, dezent geleitet von Heinz Holliger.

Sir András Schiff kam an diesem Abend eine Nebenrolle zu, wenn auch eine gewichtige. Sein Flügel bildete den orchestralen Part. Wunderschön war sein Anschlag, leicht perlten die Läufe, zurückhaltend war er und stets am Gesamtklang interessiert. Ein Liederabend nur mit Anna Lucia Richter und ihm wäre sicherlich beglückender gewesen.

Cornelia Schoof

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