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Der Roman aus der Hypnose

Lübeck Der Roman aus der Hypnose

Heinrich Gerlachs Roman „Die verratene Armee“ war ein Bestseller der 1950er Jahre. Entstanden ist er unter seltsamen Umständen.

Lübeck. Es ist eine unglaubliche Geschichte — aber sie ist wahr. Ein deutscher Offizier gerät Anfang 1943 schwer verwundet bei Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft. Im Lager schreibt er einen Roman über den Untergang der 6. Armee, schließt sich dem „Bund deutscher Offiziere“ und dem „Nationalkomitee Freies Deutschland“ an, die gegen das Hitler-Regime opponierten. 1949, kurz vor seiner Entlassung aus der Gefangenschaft, nimmt ihm der russische Geheimdienst das Roman-Manuskript ab. Wieder in Deutschland versucht der Mann, seinen Roman zu rekonstruieren — vergeblich. Dann liest er in der Illustrierten „Quick“ einen Bericht über einen Psychotherapeuten, der große Heilungserfolge mit Hypnose erzielt hat. Er wendet sich an den Mediziner, kann aber die Behandlung nicht bezahlen. Die Kosten übernimmt schließlich die „Quick“, und unter Hypnose gelingt es dem Autor tatsächlich, seinen Roman zu diktieren. 1957 erscheint dann „Die verratene Armee“.

Bis hierhin ist das bereits eine aufregende und ungewöhnliche Geschichte, kaum zu glauben. Aber sie geht noch weiter. Als das Buch von Heinrich Gerlach — so heißt der Ex-Offizier und Autor — ein Bestseller wird, will auch der Hypnotiseur, Dr. Karl Schmitz, ein Stück vom Kuchen abhaben. Schließlich, so seine Argumentation, sei das Buch nur durch seine hypnotische Hilfe überhaupt zustande gekommen. Nach allerlei hin und her ging der Fall vor Gericht, schließlich kam es zu einem Vergleich: Gerlach zahlte an Schmitz 9500 D-Mark — eine stattliche Summe damals, 1961.

Aber das ist immer noch nicht alles. Heinrich Gerlach starb 1991 in Brake an der Unterweser, wo er viele Jahre lang als Studienrat tätig gewesen war. Der Germanist Carsten Gansel von der Universität Gießen machte sich auf die Suche nach Gerlachs Original-Manuskript. 2012 wurde er in einem russischen Archiv wider alle Wahrscheinlichkeit fündig. Gansel fotografierte die 614 Seiten des Manuskripts und brachte sie nach Deutschland. Dort erstellte er eine Druckfassung der Urfassung von „Die verratene Armee“, die jetzt unter dem Originaltitel „Durchbruch bei Stalingrad“ erschienen ist.

Diese Originalfassung ist schärfer gefasst als die unter Hypnose von Gerlach rekonstruierte Version. Sie ist sprachlich nicht geglättet, der Landser-Jargon ist deutlicher, die Charakterzeichnungen mancher NS-treuer Offiziere sind weitaus entlarvender als in der Ausgabe von 1957. Carsten Gansel hat den Band mit einem voluminösen Anhang versehen. Auf 174 Seiten erzählt der Literaturwissenschaftler nicht nur die Geschichte des Autors Gerlach, sondern auch das Schicksal des Manuskripts, das Gerlach viel Unglück brachte.

Gerlach hatte schon geahnt, dass der Sowjet-Geheimdienst sein Buch beschlagnahmen würde, deshalb hatte er eine Abschrift angefertigt und im doppelten Boden eines Koffers versteckt. Aber auch diese Abschrift wurde entdeckt, Gerlach galt deshalb als politisch unzuverlässig, für ihn begann eine wahre Odyssee durch sowjetische Gefangenenlager und Gefängnisse, bis er schließlich 1950 nach Deutschland entlassen wurde.

Heinrich Gerlach gehörte zum „Bund Deutscher Offiziere“, den kriegsgefangene deutsche Kommandeure gegründet hatten, um deutsche Soldaten zum Überlaufen und zum Kampf gegen Hitler- Deutschland zu bewegen. Gerlach gehörte auch zu den Gründern des „Nationalkomitees Freies Deutschland“, das aus Exil-Kommunisten und Kriegsgefangenen bestand und dieselben Ziele befolgte — allerdings unter Leitung des späteren SED-Vorsitzenden Wilhelm Pieck und des DDR-Diktators Walter Ulbricht.

Nach Kriegsende im Mai 1945 wurden die Verbände aufgelöst, die Mitglieder — zu denen auch der Kommandeur der untergegangenen 6. Armee, Friedrich Paulus, gehörte — wurden in die spätere DDR repatriiert. Oder sie kamen zurück in normale Gefangenenlager, so erging es noch fünf Jahre lang Heinrich Gerlach.

„Durchbruch bei Stalingrad“ von Heinrich Gerlach, Verlag Galiani- Berlin, 704 S., 34 Euro.

Von Jürgen Feldhoff

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