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Der Schatz aus der Vorratskammer

Eutin Der Schatz aus der Vorratskammer

Im Ostholstein- Museum in Eutin hat man eine Mappe gefunden – und darin bisher unbekannte Zeichnungen von Friedrich Overbeck.

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„Hauptmann Cornelius und der Engel“ von Friedrich Overbeck, Darstellung einer Episode der Apostelgeschichte.

Quelle: Fotos: Ostholstein-Museum

Eutin. Es gibt Glücksfälle, von denen man noch nicht einmal zu träumen wagt. Julia Hümme, der Leiterin des Ostholstein-Museums in Eutin, ist ein solcher widerfahren.

Als im Herbst der Kunsthistoriker Ulrich Schulenburg im Magazin des Eutiner Museums recherchierte, fand er nicht das, was er eigentlich suchte. Dafür aber eine Mappe, die unter anderem 19 bisher unbekannte Zeichnungen von Friedrich Overbeck enthielt, die nicht in der Inventarliste des Museums erfasst waren.

„Beigelegt in der alten Sammlermappe war ein Zettel von Adolf Meier, einem Neffen von Friedrich Overbeck. Er hatte die Blätter von seiner Stiefmutter, einer Schwester Overbecks, erhalten. Sie nun wieder habe die Blätter, wie Meier schreibt, beim Aufräumen der Vorratskammer gefunden.“ Wie die Mappe ihren Weg ins das Eutiner Museum gefunden hat, ist nicht bekannt, der Nachlass Friedrich Overbecks liegt im Lübecker Museum Behnhaus/Drägerhaus. Julia Hümme setzte sich umgehend mit dem Göttinger Kunsthistoriker Michael Thimann in Verbindung, der über Friedrich Overbeck habilitiert hat.

Thimann hat den überraschenden Fund wissenschaftlich aufgearbeitet und stellt ihn heute bei der Eröffnung der Ausstellung vor.

„Es sind Blätter aus der Jugend- und Studienzeit von Friedrich Overbeck“, sagt Julia Hümme. „Overbeck war in Wien an der Akademie, manche der Zeichnungen sind typische ,Hausaufgaben‘, die den Schülern der Akademie gestellt wurden.“ Aber nicht alle. Overbeck und seine Freunde Franz Pforr und Ludwig Vogel, mit denen er später den Lukasbund gründete, stellten sich gegenseitig zeichnerische Aufgaben. Von manchen existierten die Interpretationen von Pforr und Vogel, die von Overbeck galten als verloren – jetzt sind einige dieser verschollen geglaubten Zeichnungen im Eutiner Museumsmagazin wieder aufgetaucht. „Dadurch wird eine Lücke in der Forschung geschlossen“, sagt Julia Hümme.

Die Zeichnungen geben Einblick in die künstlerische Entwicklung des jungen Friedrich Overbeck. Entstanden sind sie zwischen 1805 und 1809, zeigen aber deutlich, wie sich Overbeck nach und nach vom akademisch-klassizistischen Stil seiner Lehrer abwandte. Overbeck entdeckte sozusagen den Romantiker in sich, seine Zeichnungen gewinnen an Eigenständigkeit, die Hinwendung zu religiösen Themen wird ebenfalls stärker.

Die Sujets der Zeichnungen wurden immer komplexer, Friedrich Overbeck beherrschte die Kunst des Arrangierens auch von Massenszenen immer besser. Neben den religiösen Darstellungen wagten sich die Lukasbrüder aber auch an Illustrationen literarischer Werke – zum Eutiner Konvolut gehören auch einige dieser Blätter Overbecks.

Mit Papier ist Friedrich Overbeck sparsam umgegangen. Fast alle der 19 Blätter sind auf beiden Seiten mit Zeichnungen bedeckt, für ein neues Werk nahm Overbeck keine Rücksicht auf ältere Zeichnungen und schnitt sich das Papier in ein Format, das er gerade brauchte. In der Eutiner Ausstellung sind beide Seiten der Zeichnungen zu sehen, eine jeweils als sehr gut gelungene Reproduktion.

Und so kann man zum Beispiel den noch erhaltenen Rest einer wunderbaren Darstellung des Kopfes einer antiken Plastik sehen.

Wie die Blätter nach Eutin gekommen sind, bleibt ein Rätsel. Ebenso wenig weiß man bislang, wer die sechs mit Bleistift, Feder und Tusche gefertigten Kopien von religiösen Allegorien Friedrich Overbecks geschaffen hat. Außerdem fanden sich in der Mappe, die auch in der Ausstellung zu sehen ist, noch 15 druckgrafische Blätter nach Zeichnungen Overbecks. Es gibt also noch reichlich Fragen, die die Kunsthistoriker beantworten müssen. Der Schatz aus der Vorratskammer birgt vielleicht sogar noch mehr Sensationen.

Die Ausstellung „Friedrich Overbeck in Wien“ wird heute im Ostholstein-Museum um 19 Uhr eröffnet und ist bis zum 20. November zu sehen.

Zurück in die Zukunft der Romantik

Der 1789 in Lübeck geborene Friedrich Overbeck gilt als Protagonist der nazarenischen Kunst. 1806 ging Overbeck an die Wiener Akademie, 1810 zog er nach Rom, wo er den Rest seines Lebens verbrachte. Overbeck konvertierte zum Katholizismus und betrachtete sich als Vorreiter der Erneuerung der Kunst im religiösen Sinne. Fast alle seine Gemälde behandeln in altmeisterlichem Stil biblische Themen, einordnen kann man die nazarenische Malerei als Spielart der ja auch rückwärtsgewandten Romantik. Overbeck hat Lübeck nie wiedergesehen. Er starb als auch vom Papst hochangesehener Künstler 1869 in Rom.

Jürgen Feldhoff

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