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Der Schöpfer des heroischen Seemanns

Bremen/Hamburg Der Schöpfer des heroischen Seemanns

Vor 100 Jahren starb der Autor Johann Kinau bei der Seeschlacht am Skagerrak. Berühmt wurde er als „Gorch Fock“.

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Seemannsromanik, harte Arbeit: Kadetten des Segelschulschiffs „Gorch Fock“ setzen beim Auslaufen die Segel.

Quelle: Fotos: Carsten Rehder/dpa

Bremen/Hamburg. Manchmal bedarf es eines heroischen Todes, um zum Helden zu werden. Das gilt für Popstars ebenso wie für Schriftsteller. Wenn letztere ihren Tod auch noch in einem ihrer Werke sehr realistisch beschrieben haben, steht dem Mythos wohl nichts mehr entgegen. Johann Kinau war genau solch ein Dichter, der in seinem berühmtesten Werk „Seefahrt ist not“ seinen Helden in einem Sturm auf der Nordsee sterben ließ. Dort, wo er später selbst ums Leben kommen sollte. Am 31. Mai vor 100 Jahren starb dieser Johann Kinau, besser bekannt als Gorch Fock, als Matrose auf dem Kleinen Kreuzer „Wiesbaden“ (siehe Beistück) Als Sohn des Hochseefischers Heinrich Wilhelm Kinau und von Meta Holst kam Johann Kinau am 22. August 1880 auf der ehemaligen Elbinsel und dem heutigen Hamburger Stadtteil Finkenwerder zu Welt. Sein großer Traum, selbst zur See zu fahren, erfüllte sich nicht. Körperlich zu schwach, bestand er den Seetauglichkeitstest nicht und schlug daraufhin eine kaufmännische Laufbahn ein, die ihn später immerhin in die Buchhaltung der Hamburg-Amerika-Linie führte. Der Schifffahrt blieb er so zumindest theoretisch verbunden. Der Erste Weltkrieg sollte ihn viel später dann doch noch zur Marine führen – und in den Tod.

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Vor 100 Jahren starb der Autor Johann Kinau bei der Seeschlacht am Skagerrak. Berühmt wurde er als „Gorch Fock“.

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Früh begann Johann – wie zwei seiner Brüder später auch –, Gedichte und Geschichten auf Hoch- und Niederdeutsch zu verfassen, in denen es um die Seefahrt und die Lebenswelt der Fischer und Seeleute ging. „Er selber war körperlich zu schwach, zog in die große, weite Fantasie-Welt und formte da Idealfiguren vom heroischen Fischer“, erklärt Reinhard Goltz, Vorsitzender des Instituts für niederdeutsche Sprache (INS) in Bremen.

So vereinte Kinau die Heimatidylle Finkenwerders mit dem Hanseatisch-Kaufmännischen aus Hamburg. Der kleine Mann vom Dorf feilte dabei stets an seinem eigenen Image. Die ersten Werke veröffentlichte er unter dem italienisch anmutenden Namen Giorgio Focco, später erst unter Gorch Fock. Fock ist plattdeutsch Seemann, Georg der Mann am Pflug.

Sein wohl berühmtestes Werk „Seefahrt ist not“ erschien 1913. Er verfasste es auf Hochdeutsch, nur die Dialoge schrieb er auf Platt. „In seinen wenigen Erzählungen verwendet er eine kräftige Verbalsprache, die nicht immer sonderlich geschliffen ist, seine Gedichte sind sprachlich wie inhaltlich eher langweilig“, sagt Goltz. Zu seinem Ruhm hätten viel mehr die von ihm geschaffenen Charaktere beigetragen: der starke, große, blonde Mann, die Frauen als Mutterwesen. „Das passt heute nicht mehr in unsere Zeit“, sagt der Sprachforscher, der Gorch Fock als problematische Figur bezeichnet. Sehr gerne aber wurden diese Werte und Figuren von den Nationalisten und Nationalsozialisten vereinnahmt. „Auch Kinau war ein überzeugter Nationalist, der daraus keinen Hehl machte“, sagt INS-Vorstand Goltz. Es waren wohl die drei Aspekte, Traditionalismus mit der Seefahrt, das Hanseatisch-Großstädtische und das Nationalistische, die den Schriftsteller ausmachten und für die er verehrt wurde. Am stärksten aber habe er in ganz Deutschland das Bild von den Küstenbewohnern geprägt.

So entdeckte auch die Marine den Heimatdichter für sich. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs fuhr das erste Ausbildungsschiff „Gorch Fock“, diente dann zunächst als stationärer Ausbildungsort, bis es 1944 wieder in See stach und am 1. Mai 1945 von der eigenen Besatzung vor Stralsund versenkt wurde. Im dortigen Hafen liegt es inzwischen wieder als Museumsschiff. 1958 lief das zweite Segelschulschiff „Gorch Fock“ bei Blohm & Voss vom Stapel. Bis heute fährt es als Ausbildungsschiff für Offiziers- und Unteroffiziersanwärter der Deutschen Marine auf den Weltmeeren.

„Der Roman ,Seefahrt ist not’ ist bis in die 50er, 60er Jahre in hoher Auflage erschienen“, berichtet Goltz. Inzwischen habe er aber den Eindruck, dass Gorch Fock immer seltener gelesen werde. „Aber das Interesse an der Person scheint ungebrochen.“ Die Literaturwissenschaft sucht nach wie vor nach den Zusammenhängen um den Mythos, zu dessen Schaffung der dichtende Buchhalter wohl mit seinem Tod am meisten beigetragen hat.

Das Gemetzel in der Nordsee

Die Seeschlacht am Skagerrak am 31. Mai/1. Juni 1916 endete ohne klares Ergebnis. Zwar hatten die deutschen Schiffe erheblich mehr Schaden bei den Briten angerichtet als umgekehrt – Großbritannien blieb aber weiter die stärkste Seemacht der damaligen Welt. Der Plan, mit einer taktischen Operation die britische Flotte aufzuspalten und dann die einzelnen Teile zu vernichten, war missglückt.

Was viel schlimmer wog , war die Tatsache, dass es der deutschen Hochseeflotte nicht gelungen war, die britische Blockade aufzubrechen. Weiterhin war Deutschland von dringend notwendigen Importen auf dem Seeweg abgeschnitten. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln verschlechterte sich im Jahresverlauf drastisch, der „Steckrübenwinter“ 1916/17 war die Folge.

Dabei hatte die Schlacht am Skagerrak gut für die Deutschen begonnen. Als die beiden Schlachtkreuzer-Flottillen aufeinanderstießen, gelang es der Hochseeflotte innerhalb kurzer Zeit, zwei der modernsten britischen Schiffe zu versenken, später sank noch ein Schlachtkreuzer der Royal Navy. Die deutsche Artillerie schoss besser als die britische, die deutschen Granaten waren wirksamer, und vor allem waren die deutschen Schiffe besser konstruiert. Am Skagerrak verlor Großbritannien 14 Schiffe und über 6000 Mann, die Hochseeflotte 11 Schiffe mit 2500 Mann.

Die Lehre aus dieser größten Seeschlacht des Ersten Weltkrieges aber war folgende: Die Flottenbaupolitik von Kaiser Wilhelm II. und seinem Großadmiral Tirpitz war in ihren Grundzügen falsch angelegt. Durch den Bau einer Schlachtflotte hatte Deutschland nicht nur die Seemacht Großbritannien herausgefordert. Die Hochseeflotte war offensiv ausgelegt – entgegen den Ratschlägen vieler Fachleute vor Beginn des Flottenbauprogramms. Die hatten vorgeschlagen, eine Flotte schneller Kreuzer zu bauen, die die Linien der deutschen Handelsschifffahrt hätten decken können, ohne den Briten gefährlich zu werden. Kaiser Wilhelm II. aber sah die deutsche Zukunft auf dem Wasser und ließ die Hochseeflotte bauen – die letztlich zu seiner Abdankung führte. Nach der Skagerrakschlacht lag die Flotte nutzlos in den Häfen, bis Ende 1918 die Matrosen meuterten. Das war das Ende der Monarchie. Fel

Britta Schmeis

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