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„Der Sexualbetrieb ist äußerst lebhaft“

Lübeck „Der Sexualbetrieb ist äußerst lebhaft“

Ein Revolutionär aus Lübeck: Der 10. Band der fesselnden Tagebücher von Erich Mühsam erscheint.

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Die Zeichnung von Erich Mühsam entstand nach einem Foto, das um 1924 von dem deutschen Anarchisten gemacht wurde.

Quelle: Zeichnung: Artus / Fotos: Wolfgang Maxwitat, Dpa (5)

Lübeck. Es ist schon ein seltsamer Zufall, dass zwei der wichtigsten literarischen Tagebücher des 20. Jahrhunderts von Autoren stammen, die in Lübeck geprägt wurden.

Thomas Mann und Erich Mühsam, beide um 1890 eher schlechte Schüler des Katharineums, erweisen sich in ihren Tagebüchern als Schriftsteller, die für die Erkenntnis der geistigen und politischen Grundlagen ihrer Zeit Entscheidendes beigesteuert haben.

36 Hefte mit über 7000 Seiten Tagebuch von Mühsam beherbergt die Handschriftenabteilung der Akademie der Wissenschaften in Moskau. Als Bücher werden sie seit 2011 vom kleinen Berliner Verbrecher Verlag und parallel im Internet veröffentlicht. Im Frühjahr erscheint der zehnte von 15 Bänden.

1878 wird Erich Mühsam als Sohn des jüdischen Apothekers Siegfried Seligmann und dessen Frau Rosalie in Berlin geboren. Schon kurz nach Erichs Geburt zieht die Familie nach Lübeck. Der Vater führt die Holsten-Apotheke im Stadtteil St. Lorenz und erwirbt damit für die Familie ein ansehnliches Vermögen, das von seinem Sohn jedoch immer überschätzt wird. Siegfried Mühsam wird von 1887 bis zu seinem Tod 1915 in die Lübecker Bürgerschaft gewählt.

Erich veröffentlicht über den Direktor des Katharineums im sozialdemokratischen „Lübecker Volksboten“ eine Glosse. Wegen „sozialistischer Umtriebe“ muss er nach Parchim wechseln, wo er die Schule mit der Mittleren Reife abschließt. Er absolviert eine Lehre als Apothekergehilfe, arbeitet zum Leidwesen des Vaters aber nur kurz in dem Beruf. Stattdessen wird Mühsam freier Schriftsteller und Bohèmien.

Von Lübeck nach München

1909 lässt er sich in München nieder. 100 Mark treffen jeden Monat aus Lübeck ein. Damit ist die Pensionsmiete einschließlich Frühstück und Mittagstisch bezahlt. Zusätzlich verdient er Honorare für Kabarettauftritte und Zeitschriftenbeiträge. Doch das Geld reicht nie.

Mühsams Freigebigkeit ist sagenumwoben. Er hilft verarmten Dichtern, löst verschuldete Schauspielerinnen aus, kümmert sich liebevoll um entlaufene Dienstmädchen. Er wird einer der wichtigsten Köpfe der Schwabinger Bohème, verkehrt mit Heinrich Mann, Lion Feuchtwanger und Frank Wedekind. Franziska Gräfin zu Reventlow wird von Mühsam in eine Scheinehe mit Baron Alexander von Rechenberg-Linten vermittelt, für welche die Gräfin 20000 Mark erhält. Mühsam kommentiert trocken im Tagebuch: „Freilich der jüdische Anarchist als Ehehelfer zwischen Grafen und Baronen hat etwas sehr Komisches.“

Theater, Kabarett, Literatur und Politik prägen das Tagebuch bis in den Ersten Weltkrieg. Fast täglich schreibt er über Kneipenabende, Geldsorgen und Frauengeschichten. Am 30. September 1914 heißt es: „Der Sexualbetrieb ist äußerst lebhaft. Asta war gestern mittag da und kam gestern abend zu mir ins Bett. Hedwig steht jetzt in Aussicht ( ), Zenzl will morgen oder übermorgen kommen, und zu Sonnabend bin ich wieder Asta bestellt. Ferner muß ich baldmöglichst die Scharte bei Friedl Wiegand auswetzen und rechne auch stark mit einem plötzlichen Besuch Ruths. Daneben muß ich mich natürlich immer noch für Zufälligkeiten und neue Bekanntschaften bereit halten.“ Passend dazu die immer wiederkehrende Klage: „Die Mädchen kosten mich viel von meinem wenigen Geld.“ Im Februar 1915 denkt er über das Problem nach, „warum die Deutschen in der ganzen Welt so maßlos unbeliebt sind: ( ) Ich glaube, es hängt mit dem Beamtencharakter der Deutschen zusammen, mit dieser übertriebenen Richtigkeit, Deutlichkeit, Gründlichkeit in allen Dingen, die jede frische Sorglosigkeit ausschließt, und mit dem wahrhaft widerlichen Unfehlbarkeitsdünkel des deutschen Wesens.“

Das Tagebuch entsteht fast ausschließlich in Mühsams bayerischen Jahren 1910 bis 1924. Doch die Verhältnisse in Lübeck werden immer mitverfolgt und kommentiert. So erfährt man einiges über Heinrich und Thomas Mann oder den späteren sozialdemokratischen Justizminister Gustav Radbruch. Im Skandal um den angeblichen Landesverrat des reichsten Lübeckers Emil Possehl wegen Erzlieferungen über Schweden an das feindliche Japan stellt sich Mühsam ganz auf die Seite Possehls und gegen die Reichsregierung. Er hat Verständnis für den Senator, der 1915 im Gefängnis sitzt. Wenn er dies aber öffentlich machte, so schreibt Mühsam im Tagebuch, „würde er gelyncht werden“.

Rechenschaft in Festungshaft

Mühsam ist im Jahr 1918/19 mit Kommunisten, USPD-Politikern und Anarchisten führend an der Gründung der ersten Münchner Räterepublik beteiligt. Er versucht, „hinter den Kulissen“ die Volksbeauftragten zu revolutionären Maßnahmen zu treiben. Am 13. April 1919 wird er vom Kampfverband der SPD, der „Republikanischen Schutztruppe“, verhaftet und im Zuchthaus Ebrach festgesetzt. Das rettet ihm wahrscheinlich das Leben, denn die meisten führenden Protagonisten der Räterepublik werden nach ihrer Niederlage im Mai 1919 getötet.

Ein Münchner Standgericht verurteilt ihn im Juli zu 15 Jahren Festungshaft. Im Zuchthaus setzt das Tagebuch nach zweieinhalb Jahren Unterbrechung wieder ein. Es bekommt eine andere Funktion: Hat seine politische Arbeit Bestand? Lohnte sich der Einsatz? Er muss sich Rechenschaft ablegen über das Erlebte, den wirren Gang der Ereignisse. Dazu der triste Alltag in verschiedenen Gefängnissen:

Intrigen unter den Inhaftierten, der harte Kampf mit den Wärtern. Das Tagebuch endet mit seiner Entlassung aus der Festungshaft kurz vor Weihnachten 1924.

Mühsam befand sich im politischen Spektrum immer auf der äußersten Linken (der Schriftsteller Roda Roda bemerkte über ihn spöttisch, dass er immer ein wenig links von sich selbst stehe). Heinrich Mann, mit dem Mühsam während des Ersten Weltkrieges laut Tagebuch noch übereinstimmt, entwickelt sich zum intellektuellen Gründungsvater der Weimarer Republik, Thomas Mann macht seinen Frieden mit ihr. Mühsam aber lehnt das parlamentarische System und die Parteien, die es tragen, von Grund auf ab. In seinem Tagebuch erweist er sich als eine etwas skurrile, aber einzigartige Erscheinung in einem besonders bewegten Abschnitt der deutschen Geschichte. Es ist eine unvergleichliche Quelle zur Historie der Bohème sowie der deutschen Linken im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts.

Christian Schwandt ist

Geschäftsführender

Theaterdirektor in Lübeck

Ermordet im KZ
Erich Kurt Mühsam wurde am 6. April 1878 in Berlin geboren. Er wuchs in Lübeck auf. Er galt als Anarchist und betätigte sich als Schriftsteller. Ende 1918, Anfang 1919 war er maßgeblich am Versuch beteiligt, in München eine Räterepublik zu etablieren. Sie wurde blutig von Freikorpsverbänden und der Reichswehr niedergeschlagen. Kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 wurde Mühsam verhaftet und am 10. Juli 1934 im Konzentrationslager Oranienburg ermordet. Vor dem Lübecker Buddenbrookhaus erinnert ein „Stolperstein“ an Erich Mühsam.
„Erich Mühsam: Tagebücher in 15 Bänden“, Verbrecher Verlag, zwischen 272 und 480 Seiten, je Band 28 Euro

Christian Schwandt

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