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Kultur im Norden Der Sommer der Partisanen
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18:10 10.08.2018
Berlin

Es gibt im Netz dieses wenige Wochen alte, verwackelte Handyvideo, 22 Sekunden kurz nur, doch das reicht, um „Bella Ciao“ zu lieben. Im Bus zum Flieger auf dem Flughafen in Rom steht ein erkennbar bedröppelt schauender Matteo Salvini, Italiens Innenminister von der Partei Lega Nord mit rechtspopulistischen bis nationalistischen Ansichten, während um ihn herum die Mitpassagiere aus teils kräftigen Kehlen „Bella Ciao“ singen. Das Lied mag aktuell zwar eher als Party- denn als Polithymne gelten, in Italien aber zumindest ist die politische Wucht des Klassikers ungebrochen.

„Bella Ciao“ ist in Deutschland der Sommerhit 2018. Das hat GfK Entertainment, zuständig für die Ermittlung der „Offiziellen Deutschen Charts“ im Auftrag des Bundesverbandes Musikindustrie, jüngst verkündet. Der Song, so die Begründung, habe alles, was ein Sommerhit brauche: Die Melodie gehe einem nicht mehr aus dem Kopf, klinge nach Urlaub und in den Clubs laufe der Song in Dauerschleife. Zudem komme er, ähnlich wie die Vorgänger „Despacito“ von Luis Fonsi und „Don’t Be So Shy“ von Imany, von einem relativ unbekannten Künstler mit Namen Florent Hugel.

Das Besondere an „Bella Ciao“ vor allem aber ist: Getanzt und getrunken wird in diesem Sommer zu einem aufrührerischen Kampflied des antifaschistischen Widerstands. Die Melodie von „Bella Ciao“ wurde zum ersten Mal Anfang des 20. Jahrhunderts von Reispflückerinnen in der Nähe von Bologna angestimmt, als Protestlied gegen die harten Arbeitsbedingungen, die miese Bezahlung und den ausbeuterischen Chef.

Wirklich bekannt wurde das Lied, dessen Textautor unbekannt ist, dann im Zweiten Weltkrieg, als es sich die italienische Widerstandsbewegung gegen den Faschismus von Hitler und Mussolini zu eigen machte. Bis heute ist „Bella Ciao“ in der Arbeiterbewegung und der politischen Linken sehr populär, auch bei Demonstrationen wird es häufig angestimmt. Der Liedermacher Hannes Wader zum Beispiel veröffentlichte 1977 eine deutsche Version.

Die meisten Menschen, die gerade in ganz Strandeuropa zu „Bella Ciao“ feiern, wissen von alledem vermutlich nichts. Glaubt zumindest Oliver Franke. Der 48-Jährige ist Geschäftsführer der PR-Agentur „Berlinièros“ und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Technolabels „Kontor Records“, wo der Hugel-Remix veröffentlicht wurde. „Wir machen Musik – nicht Politik“, sagt er.

Seinen jüngsten Schub bekam „Bella Ciao“ durch die Serie „Haus des Geldes“ (im spanischen Original „La Casa de Papel“), die laut Netflix meistgesehene nicht-englischsprachige Serie des Streaming-Unternehmens. Darin geht es um eine Räuber-Bande, die die spanische Banknotendruckerei überfällt und deren Anführer El Profesor immer wieder gern „Bella Ciao“ anstimmt, um sich zu motivieren. Der mit Elementen aus Techno und House mächtig aufgepeppte Remix von Hugel ist nun mitnichten der erste in diesem Jahr, aber er ist der plakativste und eindeutig sommerhittigste.

Brauchbar, aber nicht so knallig, ist auch die Fassung von Frankreichs Rap-Superstar Mâitre Gims, selbst das deutsche Popsternchen Mike Singer hat sich an „Bella Ciao“ versucht, konnte mit seiner Latino-BlingBling-Version mitsamt des hedonistischen Videos (das den antikapitalistischen Kern des Liedes so endgültig wie unfreiwillig auf den Kopf stellt) aber nicht groß punkten.

Florent Hugel nun verbindet mit „Bella Ciao“ weder aufrechten Antifaschismus noch Eimersaufen. „,Bella Ciao’ ist einfach ein tolles Lied, das die Menschen in Freude zusammenbringt.“

Steffen Rüth

„Bella Ciao“ – das Partisanen-Lied in Auszügen

Partisanen, kommt,

nehmt mich mit euch,

Oh Schöne, ciao! Schöne, ciao!

Schöne, ciao, ciao, ciao!

Partisanen, kommt,

nehmt mich mit euch, Denn ich spüre,

ich muss sterben.

Und wenn ich sterbe als Partisan,

Oh Schöne, ciao! Schöne, ciao!

Schöne, ciao, ciao, ciao!

Und wenn ich sterbe als Partisan

Dann musst du mich begraben.

Und zwar dort oben auf dem Berge, Oh Schöne, ciao! Schöne, ciao! Schöne, ciao, ciao, ciao!

Oh ja, begraben auf dem Berge, Im Schatten einer schönen Blume.

Alle Leute, die vorbeikommen, Oh Schöne, ciao! Schöne, ciao!

Alle Leute, die vorbeikommen, Werden mir sagen:

Was für eine schöne Blume!

LN

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