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19:12 05.07.2016
Erprobt: Mario Ramos als Mephisto und Sascha Gluth als Faust.

Zwölf Uhr mittags in Berlin- Moabit. Graffiti überziehen die Wände eines Hinterhofs. Die Schauspieler des „Faust“, der hier in der Turnhalle einer ehemaligen Schule einstudiert wird, haben sich vor der Sommerhitze an die Biertische im Blätterschatten zurückgezogen: große Pause. Sascha Gluth kommt, schlank, blond, unübersehbar attraktiv – und frisch vom Friseur, das bleibt nicht unkommentiert. „Du hast die Haare schööön“, flötet Mario Ramos, der auch außerhalb der Proben mit diabolischer Freude so unvermittelt in die Rolle des Mephisto wechselt, dass man nicht weiß, wer gerade spricht. Sascha Gluth grinst nur: „War auch dringend nötig.“

Ganz entspannt während der Proben zum „Faust“ in Berlin, wo Sascha Gluth mit Ehefrau Julia Horvath und seinen beiden Töchtern zu Hause ist. Quelle: Fotos: Regine Ley, Gerd Falk, Oz-Archiv
Sascha Gluth als Jedermann mit Charlotte Sieglin im Juli 2015.
Ganz entspannt während der Proben zum „Faust“ in Berlin, wo Sascha Gluth mit Ehefrau Julia Horvath und seinen beiden Töchtern zu Hause ist. Quelle: Fotos: Regine Ley, Gerd Falk, Oz-Archiv

Der ,Faust’

ist das aktuellste Gegenwartstück,

das ich mir im Moment vorstellen kann.“ Holger Mahlich, Regisseur

Viel Zeit bleibt nicht mehr. Das Ensemble um Regisseur Holger Mahlich, das mit Goethes „Faust“ morgen die Festspiele Wismar eröffnet, liegt im Endspurt. Schauspieler und Regisseur sind ein eingespieltes Team, viele kennen sich aus jahrelanger Zusammenarbeit, etwa bei den Störtebeker-Festspielen auf Rügen, wo Gluth elf Jahre den Freibeuter verkörperte. Als Regisseur Holger Mahlich 2012 nach zehn Jahren die Seebühne Ralswiek verließ, wollte Gluth sich von seiner Figur lösen und die Regie beim „Störtebeker“ übernehmen. Allein, es ging nicht lange gut: „Künstlerische Differenzen“

beendeten das Engagement, für Gluth eine „menschliche Enttäuschung“.

Doch wenn der 46 Jahre alte Schauspieler für eine Sache brennt, will er das Beste herausholen, aus sich, dem Stück, dem Ensemble. Freundschaften verbinden ihn mit Mario Ramos, mit dem Regisseur Holger Mahlich, den Kollegen Robert Glatzeder und Andres Conrad. Ehefrau Julia Horvath gehört ebenfalls zum Ensemble der Festspiele, er lernte sie 2004 als Störtebeker kennen. „Aus diesen gewachsenen Beziehungen hat sich immer wieder Neues entwickelt. Das zählt für mich zum Schönsten“, sagt Sascha Gluth. Wo eine solche Basis fehlt oder nicht herzustellen ist, wie zuletzt in seiner Heimatstadt Rostock – Gluth war 2014 nach nur einer Inszenierung unter Intendant Sewan Latchinian wieder von der Bühne des Volkstheaters verschwunden –, wirft er dann lieber das Handtuch. Wenn’s aber stimmt, wird der große Blonde schnell zu einem zentralen Spielmacher. Deshalb findet man ihn nun hier als Doktor Faust, in der Maske gerade optisch um einige Jahre gealtert, mit dunklen Schatten unter den Augen, tiefen Falten und Kinnbart.

Heinrich Faust ist ganz anders als Sascha Gluth

In ihrem dritten Jahr präsentieren die Festspiele Wismar in diesem Sommer neben dem bereits etablierten „Jedermann“ auch Goethes Großdrama „Faust“ auf der Bühne der Georgenkirche. Sascha Gluth spielt beide Titelrollen und fungiert zudem als künstlerischer Leiter der Festspiele. Der „Faust“, sagt er, sei nicht nur eines der meistgespielten Stücke auf deutschen Bühnen. „Er ist auch das aktuellste.

Doktor Faust nimmt in seinem Anspruch, die Welt nach seinem Bild zu formen, sie sich untertan zu machen, egal was es kostet, die Selbstüberhöhung des Menschen und die Individualisierung der Gesellschaft vorweg!“ Die Figur sei ein zu ihm selbst konträrer Charakter. „Faust ist ein ewig Unzufriedener. Er will den Göttern gleich sein und muss sich doch damit zufrieden geben, dass er nur ein Mensch ist. Ich bin sehr viel lebensbejahender, ich kann mich auch entspannt in den Garten legen und die Kinder hüpfen lassen – aber das Hinterfragen, diese Rastlosigkeit, die sich ins Körperliche überträgt, das sind schon ähnliche Wesenszüge.“

Sie ist spürbar, diese Unruhe, hinter aller Gelassenheit, die Sascha Gluth trotz des Probendrucks ausstrahlt. Alle Beteiligten investieren hier ihr Talent und ihre Zeit, proben sieben Tage die Woche für eine Aufwandsentschädigung; Honorar bekommen die Schauspieler nur für die Aufführungen. „Da steckt viel unentgeltliche Arbeit drin, sonst würde es gar nicht funktionieren“, sagt Gluth. Das Land halte sich finanziell zurück: „Auch im dritten erfolgreichen Jahr der Festspiele müssen wir betteln gehen. Wenn wir gefördert würden, könnte man diese Arbeit hier zumindest im Ansatz honorieren.“

Warum er es trotzdem tut? Er sei schon in der 7. Klasse beim Rostocker Kabarett „Klabauterschüler“ mit der Spielfreude infiziert worden, sagt Sascha Gluth. Eigentlich hatte er nach bestandener Aufnahmeprüfung das Studium an der Schauspielschule Leipzig schon in der Tasche – er sei dann aber doch abgelehnt worden, wohl weil er sich nicht fürs Wachregiment habe verpflichten wollen. Gluth ging als Regieassistent ans Rostocker Theater, dann zu den Freien Kammerspielen nach Leipzig. Gerade hat er noch ein Studium in Kultur- und Medienmanagement in Hamburg abgeschlossen: „Schauspieler ist ein schwieriger Beruf. Man ist gut beraten, wenn man nicht davon leben muss.“

Sascha Gluth blickt als künstlerischer Leiter der Festspiele über den Bühnenrand hinaus mit dem Ziel, Wismar als Festspielort in Mecklenburg-Vorpommern fest zu verankern. Ein durchaus ehrgeiziges Ziel.

„Faust“-Premiere: morgen, 19.30 Uhr; bis 24. Juli. „Jedermann“: ab Do., 28. Juli, 19.30 Uhr, bis 7. August. Karten: 01805 700733.

• Infos: www.festspiele-wismar.de

Regine Ley

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