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Der Tod ist anwesend - und der Witz

Theaterkritik Der Tod ist anwesend - und der Witz

Tschechows Tragödie "Iwanow", unterlegt mit virtuoser Komik, feierte Premiere am Theater Lübeck.

Tschechows Titelheld Iwanow vervielfältigt sich: Wird der depressive Jammerlappen schizophren?

Quelle: Kerstin Schomberg

Lübeck. In der zweiten Hälfte von Anton Tschechows „Iwanow“ gelingt Regisseurin Lilja Rupprecht eine überraschende Zäsur. Erlebte man zuvor die Titelfigur, den Gutsbesitzer Nikolai Alexejewitsch Iwanow, als einsamen depressiven Jammerlappen, dem seine Frau und überhaupt alle Mitmenschen auf die Nerven gehen, stehen plötzlich sieben, dann acht, dann neun Iwanows auf der Bühne der Lübecker Kammerspiele. Alle haben die Iwanow-Perücke auf, das Iwanow- Hemd mit der losen Krawatte und die Iwanow-Baumwollhosen an.

LN-Bild

Tschechows Tragödie „Iwanow“, unterlegt mit virtuoser Komik, am Theater Lübeck.

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Tragikomödie

Anton Tschechow (1860-1904) hat „Iwanow“ erst als Komödie verfasst, später machte er eine Tragödie daraus.

Vorstellungen: Mi., 12. April, 20 Uhr; So., 30. April, 18.30 Uhr.

Sie sitzen zunächst im Schneefall am Boden vor einem riesigen Schädel, der das Bühnenbild dominiert, dann äußern sie merkwürdige Sätze, ein selbstreferenzielles chorisches Reden setzt ein – ein Ballett der Gesten und der Mimik. Der Held scheint schizophren geworden zu sein. Später erkennt er: „Ich bin die Hauptperson in einem Stück, das um nichts mehr geht.“ Sein Schicksal ist ihm eine narzisstische Kränkung.

Iwanow, das ist bereits geklärt an dieser Stelle, war einmal ein Mensch, der leidenschaftlich die Welt verbessern wollte. Seine Frau Anna ist für ihn wegen dieser Leidenschaft vom Judentum zum Christentum konvertiert, nun ist sie sterbenskrank. Er fühlt sich schuldig, und er wird auch von Schulden gequält.

„Iwanow ist müde, er begreift sich nicht, aber das Leben kümmert sich darum nicht im mindesten“, schrieb Tschechow 1888 in einem Brief. Das Leben verlangt, Arbeiten zu erledigen, Schulden zu begleichen, sich um die kranke Frau zu kümmern. Doch die stirbt. Iwanow verspricht der Tochter seiner reichen Nachbarn die Heirat, aber dann bringt er sich lieber um.

Das ist die traurige Fabel des Stücks, doch Lilja Rupprecht gewinnt ihr auch komödiantische Aspekte ab. Während Iwanow (Jan Byl) vor dem Eisernen Vorhang vor sich hinbrütet, wenn das Publikum in den Kammerspielen die Plätze einnimmt, tritt bald sein Gegencharakter in Aktion: Verwalter Borkin, der sich mit einer Slapstickeinlage als hyperaktive Nervensäge einführt. Vincenz Türpe hält sein aufgedrehtes Spiel virtuos bis zum Schluss durch. Sein Aktionsradius aber ist wie der aller Figuren beschränkt auf die Runde um den sich stoisch drehenden Schädel. Dieser signalisiert überdeutlich:

Der Tod ist anwesend. Da können auch exzentrische Klamotten und verwegene Perücken (Ausstattung: Geraldine Arnold und Korbinian Schmidt) keine Lebensfreude herbeizitieren. Und schon gar nicht der aufgedrehte Sprachpegel.

Auch Rachel Behringer als Nachbarstochter Sascha hat quecksilbrige Auftritte. Die junge Frau schmettert Iwanow eine exaltierte Liebeserklärung an den Kopf, sie gibt vor, ihn selbstlos retten zu wollen. Und sie wendet sich in einem Anflug von juvenilem Rebellentum ans Publikum, es solle sich einmischen: „Seid einmal im Leben Helden!“ Als keine Reaktion erfolgt: „Bei eurem Anblick sterben die Fliegen.“ Behringer ist in ihrer Tragik so komisch wie Sven Simon als Graf Schabjelski in seiner Misanthropie. Sein Standardurteil über die Umwelt lautet „Blödsinn“, und er äußert es so stolz wie feige („Anwesende ausgenommen“).

Der fabelhafte Jan Byl befreit seinen Iwanow nur selten aus der katatonischen Starre. In der letzten Szene steht er völlig nackt auf der Bühne – entblößt sind Körper und Seele. Da bleibt nur der Suizid.

Und es bleiben zwei Fragezeichen: Warum sich das gesamte Personal erklärtermaßen tödlich langweilt, wo es doch ständig geistreich und originell Konversation betreibt, ist das Geheimnis Tschechows. Warum Byls Iwanow sein Leiden mit Hingabe und Lautstärke hinaus in die Welt brüllt, wo er doch unablässig versichert, wie erschöpft er sei, bleibt das Geheimnis von Regisseurin Rupprecht.

 Michael Berger

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