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Der Traum vom Theaterschloss

Schleswig Der Traum vom Theaterschloss

Furcht vor der Jugend, Liebe zur Jugend: Die spannende Schleswiger Inszenierung des „Baumeister Solness“ von Hendrik Ibsen.

Schleswig. Sie platzt herein wie ein Wesen von einem anderen Stern. Hilde Wangel, 23 Jahre jung, entschieden sexy, angetan mit knappsten Hot Pants, roter Lederjacke und engen Stiefeln, verkörpert den denkbar krassesten Gegensatz zu den Menschen, die im Büro des Architekten Halvard Solness ein und aus gehen. Das Mädchen, das von den blauen Bergen kam, mischt die verkrusteten Verhältnisse auf und entfacht Leben und Leidenschaft im emotional versteinerten Hausherrn, der vor zehn Jahren der damals kleinen Hilde etwas versprochen hatte: den Bau eines Märchenschlosses.

In Reinhard Göbers spannender Inszenierung des Schauspiels „Baumeister Solness“ von Henrik Ibsen, die am Sonntag, mit starkem Beifall quittiert, Premiere in Schleswig hatte, ist aus dem Schloss ein Theaterneubau geworden. Die Umdeutung entspringt nicht der Laune eines jener Regisseure, die partout alles anders machen wollen. Im Gegenteil: Der Einfall des früheren Oberspielleiters am Lübecker Theater hat Hand und Fuß — und Bezug zur lokalen Situation. In Schleswig nämlich scheiterte der Bau eines neuen Theaters, das als Ersatz für das baufällige alte Haus geplant war. Inzwischen will man sich dort mit einem multifunktional genutzten Kulturhaus begnügen, zu dem ein ehemaliges Bundeswehr-Casino umgebaut werden soll. Und mit dem Entwurf eines solchen Multifunktionsbaus möchte der junge Ragnar Brovik (Christian Simon) im Wettbewerb um den Theaterneubau in einer zwischen Fiktion und Realität oszillierenden Stadt seinen Arbeitgeber Solness ausstechen.

Der Baumeister (souverän, abgründig: Stefan Hufschmidt) ist innerlich längst ausgebrannt, äußerlich aber ein sich autoritär gebärdendes Ekel mit panischer Angst vor der Jugend, die Solness nicht ganz grundlos (Beispiel Ragnar) verdächtigt, sie wolle ihn, den Platzhirsch unter den Architekten, hinausdrängen aus seiner beherrschenden Position. Dennoch ist es gerade die umwerfende Jugendlichkeit Hildes, heißkalt verkörpert von Thyra Uhde, die den alternden Mann aus seiner mürrischen Lethargie reißt. Die Furcht vor der Jugend und die Liebe zur ihr — eine vom Regisseur schön herausgearbeitete Dialektik. Schön auch, wie die beiden gleich nach der ersten Begegnung zusammenfinden, wenn sie gemeinsam „Mercy Street“ singen, Peter Gabriels Lied vom Träumen. Und eben Hildes Träume von einem erfolgreichen Schauspielerleben in einem gleichsam märchenhaften Theater sind es, die das Mädchen antreiben und ihn schließlich mitreißen.

Eindrucksvoll, wie Kerstin Laube das abstrakte Thema Traum und Vision auf der engen Bühne in der provisorischen Spielstätte Slesvighus materielle Gestalt gewinnen lässt. Eine poetische Landschaft mit schilfartigen Gewächsen und verschwimmendem Hintergrund tut sich da in einem Schaukasten auf wie ein Theater im Theater. Eine Projektionsfläche für Wünsche und Hoffnungen. Gleich daneben der ultimative Kontrast: Eine Zelle, in der zusammengepfercht Ragnar und sein Vater (René Rollin) sitzen, den Solness einst überflügelt hat. Ragnar arbeitet verkniffen am Laptop, der Baumeister kritzelt lässig am Schreibtisch sitzend auf Papier. Göber erweitert so den Konflikt zwischen den Generationen um einen weiteren — den zwischen alten und neuen Produktionstechniken.

Ein Gegensatz mit Folgen. Ragnar entwirft auf seinem Notebook einen Zweckbau für den anstehenden Wettbewerb, Solness denkt sich mit Hildes Hilfe ein wunderbares Theaterschloss aus. Im spektakulären Finale drückt der Jungarchitekt auf die Löschtaste seines Geräts, und alle Träume und Schäume explodieren mit lautem Knall. Pragmatismus besiegt Phantasie. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind nicht rein zufällig.

Bis es dazu kommt, sieht man in Göbers von Ibsen-Mystizismen entrümpelter Inszenierung Schauspielerei vom Feinsten. Vor allem Karin Winkler als Solness‘ Gattin Aline brilliert mit der feinst gezeichneten Studie einer Frau, die zwischen der Trauer um die bei einem Brand getöteten beiden Kinder und dem Frust wegen der ewigen Weibergeschichten ihres Mannes um ihre Selbstbehauptung kämpft.

Stilles Leiden, schriller Aufschrei, bittere Ironie — die Darstellerin fasziniert mit vielen Facetten. Höhepunkt in einer denkwürdigen Aufführung.

Von Hermann Hofer

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