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Der Wüterich aus der Walachei

Gießen Der Wüterich aus der Walachei

Ein blutrünstiger Graf Vlad III. Draculea: Historiker suchen nach den Wurzeln der unheimlichen Dracula-Geschichte.

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Durch eine Reihe von Dracula-Filmen wurde der Schauspieler Christopher Lee zum Inbegriff des Vampirs. Zwischen 1959 und 1973 stellte er acht Mal den Blutsauger dar, hier im Film „Dracula A.D. ’72“ mit dem deutschen Titel „Dracula jagt Minimädchen“.

Quelle: dpa

Gießen. . „Sein Gesicht war totenbleich, die Züge waren hart wie aus Stein gemeißelt; die dicken Augenbrauen, die sich über der Nase trafen, waren wie Barren weißglühenden Metalls“ Graf Dracula. So beschreibt ihn sein Schöpfer, der irische Schriftsteller Bram Stoker (1847-1912), Autor des Romans „Dracula“. Der berühmteste aller Vampire hinterlässt bei seinen Opfern kleine Wunden an der Kehle, denn er trinkt Blut.

In seinem Gießener Büro sitzt Thomas Bohn und umreißt mit dem Finger eine Landkarte auf der Tischplatte: Transsilvanien, die Heimat des Grafen Dracula, liegt mitten in Rumänien. Bohn ist Professor für osteuropäische Geschichte und interessiert sich für den echten Grafen Dracula: Vlad III. Draculea (1431 bis 1476), Fürst der Walachei und genannt der „Pfähler“, diente Stoker als Vorbild.

Bohn erzählt: Vlads Vater, Vlad II., war Mitglied im Drachenorden Kaiser Sigismunds und erhielt den Beinamen „Dracul“. Sein Sohn nannte sich „Draculea“, Sohn des Drachen. „Vlad galt damals schon als Wüterich“, sagt Bohn. Der fanatische Osmanen-Bekämpfer wurde sogar als Christenverfolger geschmäht, um ungarische Thronansprüche zu untermauern. Den Beinamen „Pfähler“

erhielt der Fürst wegen seiner bevorzugten Hinrichtungsmethode: „Es gibt Dokumente, die Menschen auf Pfählen aufgespießt in der Landschaft zeigen.“

Woher stammt der Vampir-Mythos?

Westeuropäische Chronisten hätten dann für die Verbreitung des Bildes eines grausamen Tyrannen gesorgt, mit Schreckensgeschichten etwa von Frauen mit aufgerissenen Leibern. Den Sagen und Geschichten um Vlad will Thomas Bohn in einem Forschungsprojekt auf den Grund gehen. Gemeinsam mit Historikern aus München und Regensburg arbeiten die Gießener an einem dreibändigen Werk, dem „Corpus Draculianum“ mit Briefen, Dokumenten, Erzählungen und Urkunden zu Vlad III. Der dritte Band ist bereits erschienen. Das Besondere: Die Edition enthält Texte in 76 Sprachen, darunter Alttürkisch, Persisch, Spanisch, Polnisch, Serbisch, Altfranzösisch und Altkirchenslawisch.

Noch etwas interessiert den Historiker: Was sind die wahren Ursprünge des Vampirglaubens? Am 21. Juli 1725 erschien in der Österreichischen Staatszeitung ein Bericht über einen Vorfall an der Militärgrenze des habsburgischen Reichs. Dort starben innerhalb weniger Tage neun Menschen. In Verdacht geriet ein gewisser Peter Plogojoviz, dessen Grab die Dorfbewohner öffnen ließen. Sie fanden eine „unverweste Leiche“, aus deren Mund frisches Blut geflossen sein soll – das habe der Untote seinen Opfern ausgesogen, so hieß es.

Solche Leichen habe die einheimische Bevölkerung „Vampyri“ genannt. Die erste Vampir-Geschichte war im Umlauf. „Die habsburgische Militärgrenze stellte eine Schutzzone gegen das Osmanische Reich dar“, erklärt Bohn in seinem Buch „Der Vampir – Ein europäischer Mythos“. Und sie war „Seuchengrenze “. Jahrhundertelang hatte die Pest in Europa gewütet. „Die Menschen vermuteten, dass die Gefahr von den Toten ausgeht.“ Die Angst vor den Türken, vor den Toten und vor den Seuchen in der Nähe der Grenze zum Osmanischen Reich – in diesem Klima gedieh der Vampirglaube.

Im London der 1890er Jahre entschloss sich dann der Beamte Bram Stoker, einen Horror-Roman zu schreiben. „Stoker war selbst ein düsterer Mensch“, erklärt dazu die Wetzlarer Anglistin Maren Bonacker. Als Kind war er schwer krank gewesen; ein Freund regte ihn an, die Kindheitserinnerungen in einem Roman zu verarbeiten. Seine Recherche führte Stoker zu Vlad, dem Pfähler.

Nach den Vampiren

kommen die Zombies

„Schauerromane gab es bereits“, sagt Bonacker. Aber neu war bei Stoker die Verflechtung unterschiedlicher Dokumente wie Tagebücher oder Zeitungsartikel, wie Bonacker sagt. So sei ein „Echtheitseffekt“ entstanden. Stokers „Dracula“ aus dem Jahr 1897 folgte eine lange Reihe von Vampirromanen und -filmen. Der letzte literarische Vampir-Hype, ausgelöst von der Twilight-Saga der US-Amerikanerin Stephenie Meyer, sei abgeebbt, sagt Bonacker, die in der Phantastischen Bibliothek in Wetzlar die Abteilung Kinder- und Jugendliteratur leitet.

Unter Schülern gälten die Romane inzwischen als kitschig. Zurzeit lägen Zombie-Geschichten im Trend. In der phantastischen Literatur gebe es immer wieder Wellen, sagt Bonacker. Vampire aber, da ist sie sich sicher, sind ein unzerstörbares Thema.

Der wirkliche Graf Dracula

Vlad III. Draculea lebte von 1431 bis etwa 1476. Er herrschter als Woiwode über das Fürstentum Walachei. Als Kind war Vlad III. eine Geisel des Osmanischen Reiches, von den Osmanen soll er auch das Pfählen von kriminellen oder politischen Gegnern gelernt haben. Später kämpfte er mit seinen Truppen gegen die Türken und die Expansion des Osmanischen Reiches auf dem Balkan. Vlad III. fiel im Krieg oder wurde auf der Flucht ermordet. Sein in Honig eingelegter Kopf soll dem Sultan als Geschenk überbracht worden sein.

Literatur: „Der Vampir – Ein europäischer Mythos“ von Thomas M. Bohn, Böhlau-Verlag, 368 Seiten, 24,99 Euro; „Corpus Draculianum – Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad der Pfähler“ von Thomas M. Bohn u. a. Erschienen ist bisher Band 3 („Überlieferung aus dem Osmanischen Reich...“), Harrassowitz-Verlag 419 Seiten, 68 Euro.

Internet Forschungsprojekt zu Fürst Vlad: http://www.uni-giessen.de/fbz/fb04/institute/geschichte/osteuropa/forschung_neu/corpus_neu

Stefanie Walter

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