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Kultur im Norden Der alte Grantler als Romantiker
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18:13 11.05.2016
Kristen Stewart als Vonnie und Jesse Eisenberg als Bobby in einer Szene des Woody-Allen-Films „Café Society“. Quelle: dpa

Der Regisseur hasst Fernreisen, Zeitumstellungen, Interviews. Er hasst eigentlich alles, was ihn vom Filmedrehen, Basketballschauen oder Klarinettenspiel im geliebten New York abhält. Und doch hat Woody Allen gestern zum zwölften Mal in Cannes einen Film vorgestellt. Und nicht nur das, bereits zum dritten Mal hat er das weltweit wichtigste Kinofestival eröffnet. Auf „Hollywood Ending“ (2002) und „Midnight in Paris“ (2011) folgte nun „Café Society“.

Woody Allen wirkt in Cannes wie ein freundlicher Alien zwischen Erdlingen und zugleich doch sehr zufrieden mit seinem bereits 80-jährigen Intermezzo auf diesem Planeten. Gestern erklärte er:

„Vermutlich werde ich eines Morgens mit einem Schlaganfall aufwachen, im Rollstuhl sitzen, und die Leute werden sagen: Das war Woody Allen. Noch fühle ich mich aber jung, meine Eltern sind um die 100 geworden. So lange Leute töricht genug sind, mir Geld für meine Filme zu geben, drehe ich weiter.“

Dieses Mal war Amazon töricht genug, ihm Geld zu geben. Für den Streamingdienst inszeniert Allen momentan zudem eine sechsteilige Miniserie. Dabei hat der Regisseur nach eigenen Worten noch nie eine dieser hippen TV-Serien gesehen. Wie auch? Er hat ja nicht mal einen Computer.

Allen liebt es nostalgisch. „Café Society“, sein 47. Film, ist in den 1930er Jahren angesiedelt. Ein junger Mann bricht von New York auf, um in Hollywood sein Glück zu suchen. Die Chancen dieses Bobby (Jesse Eisenberg) stehen gut. Onkel Phil (Steve Carell) ist ein einflussreicher Produzent, weshalb hier das Namedropping exzessiv betrieben wird. Bei Poolpartys brüsten sich die Gäste mit ihren Kontakten zu Barbara Stanwyck, Errol Flynn oder William Wyler.

Aber dann geht es Bobby wie es wohl auch dessen Schöpfer schon öfter ergangen ist: Er fühlt sich abgestoßen vom Showbusiness. Er will zurück nach New York. Spätestens da wird klar: Woody Allen hat doch wieder zuerst einen Film über Woody Allen gedreht, gespickt mit jüdischem Humor, absurden Beziehungsgesprächen vor Garderobenständern und mit philosophisch leicht Verdaulichem.

Man reibt sich die Augen, wie weit sich Jesse Eisenberg sogar physiognomisch dem jungen Allen anverwandelt. Der Regisseur begnügt sich mit der Rolle des Erzählers – wie in einem Gesellschaftsroman.

Allen gestern in Cannes: „Da ich der Autor bin, habe ich das selbst gemacht. Das war billiger.“

Zum großen Wurf fehlt dieser bitter grundierten Romanze der Atem. Wie Marionetten hängen die Figuren am Faden ihres allwissenden Schöpfers. Umhüllt von leichtem Jazz-Geplänkel und in sanften Farben – erstmals hat Allen digital gedreht! – gehen die Dinge ihren Gang. Bobby kehrt nach Hause zurück, allerdings unglücklich: Die Liebe zu Vonnie (Kristen Stewart), der Sekretärin seines Onkels, lässt ihn nicht los. Irgendwann wird er versonnen ins Nichts schauen und sagen: „Das Leben ist eine Komödie, aufgeschrieben von einem sadistischen Komödienschreiber.“

Das hätte gestern auch Woody Allen sagen können. Oder hat er das? Jedenfalls will der alte Grantler ausnahmsweise einmal positiv zurückzublicken: „Ich sehe mich als Romantiker, auch wenn nicht alle Frauen in meinem Leben mit dieser Ansicht übereinstimmen würden“, sagte er den Journalisten.

Von Stefan Stosch

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