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Der alte Herr von Schönbrunn

Wien Der alte Herr von Schönbrunn

Vor 100 Jahren wurde Kaiser Franz Joseph I. in Wien prunkvoll beigesetzt.

Wien. Als der Kaiser von Österreich zu Grabe getragen wurde, endete eine Epoche. Der Tod von Franz Joseph I. war eine Zäsur in der europäischen Geschichte, ein Ereignis von historischer Größe.

68 Jahre, länger als jeder andere Habsburger, hatte Franz Joseph regiert. Auf den Thron gekommen war er 1848 mit nur 18 Jahren, in seinem Namen wurden die revolutionären Bewegungen in Österreich, Italien und vor allem in Ungarn blutig niedergeschlagen. Das waren allerdings die einzigen kriegerischen Auseinandersetzungen, bei denen Franz Joseph erfolgreich war. Seine anderen Kriege verlor er, 1859 gegen Frankreich und Italien, 1866 zum Staunen der Welt gegen Preußen. Aber all dies sah man dem Kaiser nach, er war die große Integrationsfigur der Donaumonarchie. Deren Gegner sprachen von einem „Völkerkerker“, die Anhänger der Habsburger nannten ihren Kaiser den Friedensfürsten – von 1866 bis 1914 führte die Monarchie keinen Krieg mehr.

Beliebt machte den Kaiser auch die Heirat mit der bildschönen 16-jährigen bayerischen Prinzessin Elisabeth, genannt Sisi. Als er die junge Frau nach Wien heimführte, jubelten die Massen ihrem Herrscherpaar zu. Und die Massen standen auch am 30. November 1916 an den Straßen von Wien, um die letzte Fahrt des Kaisers von der Hofburg zur Kapuzinergruft zu sehen. Zum letzten Mal entfaltete die Monarchie ihren großen Glanz, ganz im Sinne der Wiener, die ja noch immer für Begräbnisse viel übrig haben. Acht Rappen zogen den Prunk-Leichenwagen durch die Straßen Wiens, ihm folgten schweigend der neue Kaiser Karl mit seiner Frau Zita und dem Kronprinzen Otto. Hinter den Angehörigen gingen ausländische Monarchen und Würdenträger, hohe Militärs und hohe Beamte des riesigen Reiches, das damals noch von der Bukowina im Osten bis nach Vorarlberg im Westen reichte.

Dieser Leichenzug war das Ende einer Epoche, obwohl Kaiser Karl noch zwei Jahre regierte. Franz Joseph war der große Einiger gewesen, die Symbolfigur schlechthin für die k.u.k-Monarchie. Mit seinem Tod hatte dieser Staat keine Überlebenschance mehr.

Die Beliebtheit des Kaisers wirkt einhundert Jahre später seltsam. Franz Joseph war alles andere als ein mitreißender Volkstribun, im Gegenteil. Er war ein Pedant, ein Bürokrat und wohl auch ein gefühlsarmer Mensch. Gefühle zeigte er nur, wenn ihn ein schwerer Schicksalsschlag traf, das kam jedoch häufig vor. Sein jüngerer Bruder Maximilian ließ sich von den Franzosen zum Kaiser von Mexiko machen, unterlag im Bürgerkrieg gegen die Truppen von Benito Juarez und wurde von diesem an die Wand gestellt. Kronprinz Rudolf beging in Mayerling mit seiner Geliebten Selbstmord, dann wurde auch noch Kaiserin Sisi in Genf von einem italienischen Anarchisten ermordet. „Mir bleibt auch nichts erspart auf dieser Welt“, soll der Kaiser beim Empfang der Nachricht von Sisis Tod gesagt haben. Das Volk hatte Mitleid mit dem alten Herrn in Schönbrunn, der die gute alte Zeit verkörperte, die natürlich nie so gut war, wie man sie schilderte. Als dann auch noch Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo erschossen wurden, ließ Franz Joseph es zu, dass Österreich, obwohl unzureichend gerüstet, in den Krieg zog. Aus der geplanten „Abrechnung mit Serbien“ erwuchs der Erste Weltkrieg, der auch das Ende der Donaumonarchie mit sich brachte. Dieses Ende musste der Kaiser nicht mehr miterleben.

Jürgen Feldhoff

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