Volltextsuche über das Angebot:

22 ° / 12 ° Regenschauer

Navigation:
Der außerirdische Mister Gaga

Berlin Der außerirdische Mister Gaga

Die große Londoner David-Bowie-Schau kommt jetzt nach Berlin. Zuvor schon kann man bei Special-Tours Bowie-Orte besuchen.

Voriger Artikel
Helmuth Rilling dirigiert die Chorakademie Lübeck
Nächster Artikel
Ein Wiedersehen mit „Madama Butterfly“

Die Kunstfigur aus dem Katalog für waghalsige Mode: David Bowie inszenierte sich 1973 als Model und Stil-Ikone.

Quelle: Sukita/David Bowie Archive

Berlin. In den 1970er Jahren inszenierte sich David Bowie als bleiches Großstadtgewächs und Borderlinefigur zwischen Pop-Glamour und Heroin-Absturz. Im legendären Songtitel „Heroes“, den die britische Popikone 1977 nur einen Steinwurf von der Berliner Mauer entfernt in den Hansa-Studios einspielte, schwingt die Kultdroge jener Zeit phonetisch mit.

Bowie konnte sich erfolgreich ausnüchtern, die Bowie-Droge aber wirkt weiter: Als Anfang des Jahres der Kartenvorverkauf für die im Mai in Berlin eröffnende David-Bowie-Schau begann, brachen unter dem Andrang der Pop-Gemeinde die Server zusammen. Einige Zeitfenster seien inzwischen ausverkauft, sagen die Veranstalter. Fans können aber beruhigt sein: Es gibt noch ausreichend Karten.

Gestartet ist die als Wanderausstellung angelegte Schau in London. Zeitgleich zur Veröffentlichung von Bowies Album „The Next Day“ hatte das Londoner Victoria and Albert Museum (V&A) die große Bowie-Hommage eröffnet: mit futuristischen Bühnenkostümen und anderen Raritäten aus dem erstmals geöffneten Bowie-Archiv. Mit knapp über 300 000 Besuchern wurde es eine der erfolgreichsten Veranstaltungen des renommierten Design- und Modemuseums. Im Berliner Martin-Gropius-Bau wird die Blockbuster-Ausstellung jetzt um einen ausführlichen Berlin-Teil ergänzt.

Schon als mittelmäßig bekannter Protagonist des Pop-Zirkus scheint Bowie die spätere Musealisierung im Blick gehabt zu haben. Jedenfalls sammelte er akribisch Bühnenutensilien, allerlei Erinnerungsstücke und Papierschnipsel. Für die Ausstellung wurden aus etwa 75 000 Objekten rund 300 Stücke ausgewählt: von der Akustikgitarre aus der „Space Oddity“- Ära Ende der 1960er Jahre über einen eisblauen Anzug aus den beginnenden Siebzigern bis hin zu Bowies originalem Kokainlöffel.

In den 1970er Jahren hieß Bowies Alter Ego Ziggy Stardust, tönte mit Roboterstimme aus dem Weltall und sah aus wie von einem galaktischen Blitz gestreift. Für die „Aladdin Sane“-Tour ließ sich das Mannequin Bowie 1973 vom damals noch unbekannten japanischen Modedesigner Kansai Yamamoto ein gestreiftes Pluderhosenoutfit maßschneidern. Auch das wird in Berlin zu sehen sein.

Wie zuvor in London werden Kostüme und Erinnerungsstücke multimedial inszeniert, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. Der Berlin-Schwerpunkt — Bowie lebte von 1976 bis 1978 in der geteilten Stadt und nahm in dieser Zeit drei seiner experimentellsten Alben auf („Berlin-Trilogy“) — werde derzeit noch erarbeitet, heißt es.

In den Hansa-Studios, nur wenige Schritte vom Gropius-Bau entfernt in der Köthener Straße 38, schrieb Bowie Musikgeschichte, aber nicht nur er, sondern auch U2, Depeche Mode, Nick Cave oder Nina Hagen. In den 1940er Jahren hatten SS-Offiziere in dem klassizistischen Palais getanzt, 30 Jahren später versprühte es einen ruinösen Charme. Vom Plafond des „Meistersaals“ bröckelte Putz, wenn Punkbands die Bässe zu stark aufdrehten. Manchmal richteten die Toningenieure die Lautsprecher auch in Richtung Osten und foppten die DDR-Grenzposten mit lautem Hundegebell.

Die eisige Systemkonfrontation des Kalten Krieges schien an dem Ort mit Händen zu greifen. Insbesondere Musiker aus dem Ausland waren fasziniert von der Nähe des Todesstreifens und der DDR-Wachtürme.

Auch Bowies depressiver Sound aus dieser Zeit ist mit Kalter-Kriegs-Romantik getränkt. Heute blickt man wieder auf eine Mauer: eine Brandschutzwand.

Inzwischen erleben die Studios in dem einigermaßen stilgerecht renovierten Gebäude eine überraschende Renaissance. Die Pet Shop Boys und Cat Stevens alias Yusuf Islam seien unlängst hier gewesen und zuletzt habe die Songcontest- Band Elaiza „Is It Right“ eingespielt, sagt Thilo Schmied von „Berlin MusicTours“. Der Mann mit Spitzbart organisiert wöchentlich Fan-Touren durch die Studios und zu einschlägigen Clubs, in denen Bowie und sein Mitbewohner Iggy Pop einst verkehrten. Während der Ausstellungsdauer wird Schmied das Tourprogramm erweitern — als Rahmenprogramm für die bevorstehende Schau im Gropius-Bau.

Das V&A musste sich die Kritik gefallen lassen, mit spektakulärer Dramaturgie auf die Maximierung der Besucherzahlen abgezielt zu haben. Martin Roth, der Direktor des Londoner Museums, hielt dagegen, dass Bowie „stilbildend“ für eine ganze Generation gewesen sei. Er habe eine besondere „Vision von Individualismus“ kreiert.

Auf dem Höhepunkt seiner Karriere inszenierte sich David Bowie als „Thin White Duke“. Als androgynes „Pop-Chamäleon“ wechselte er lange vor Madonna und Lady Gaga die Identitäten wie andere Leute die Socken. Schade eigentlich, dass aus dem kantigen Avantgardegeist bald schon ein glatter Mainstream-Musiker wurde.

Multimediales Großereignis
Die internationale Ausstellung „David Bowie“ aus dem Victoria and Albert Museum London wirft ihre Schatten in Berlin voraus: Vom 20. Mai bis 10. August 2014 wird die multimedial inszenierte Retrospektive über den Sänger und Künstler Bowie (*1947) im Martin-Gropius-Bau zu sehen sein. Sie biete „ein umfassendes audiovisuelles Ausstellungserlebnis auf höchstem technischen Niveau“, versprechen die Kuratoren. Die Exponate zeigten, „wie David Bowie spielerisch Grenzen zwischen Traum, Realität, Genre und Gender überwindet“.
www.davidbowie-berlin.de

Die David-Bowie Special-Tours von Thilo Schmied findet man im Internet unter: www.musictours-berlin.com

Johanna Di Blasi

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden