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Kultur im Norden Der besondere Charme des Unperfekten
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19:12 03.08.2017
Tina Schönwald (l.) und Inken Kramp beleuchten die B-Seite der Fotografie. Quelle: Foto: D. Kurz-Kohnert

Als Happening ist die Aktion in der Kunststankstelle an der Wallstraße 3-5 angekündigt. Heute und morgen laden die beiden Fotografinnen Tina Schönwald und Inken Kramp zum „Kunst-Shoppen“ ein – Einkaufskörbchen stehen bereit, im Angebot ist B-Ware.

Die beiden befreundeten Defacto-Art-Frauen haben Fotos ausgewählt, die normalerweise im Papierkorb landen würden: Die Aufnahmen sind verwackelt oder unscharf, die abgelichteten Menschen, Tiere und Landschaften werden aus missglückten Perspektiven gezeigt. Dieses Unperfekte hat einen besonderen ästhetischen Charme: Die Motive sehen teilweise aus wie gemalt, geben Rätsel auf oder reizen ob ihrer unfreiwilligen Komik zum Lachen. Wie der kleine Terrier, den Inken Kramps Mutter eigentlich fotografieren wollte. Er taucht in der linken unteren Ecke auf – ausschnitthaft, fast außerhalb des Bildes. Augenzwinkernd spielt die Künstlerin so auf die Qualität vieler Bilder in Familienalben an.

Die ausgebildete Grafikerin Inken Kramp, auf Helgoland geboren, aufgewachsen in Lübeck, pendelt als freischaffende Künstlerin zwischen Hamburg und ihrem jetzigen Wohnort. Wie ihre Kollegin Tina Schönwald lebt sie in der Gemeinde Rehhorst im Kreis Stormarn. Inken Kramp hat für die Aktion Bilder aus ihrem geerbten Familienfundus ausgesucht. Sie sagt: „Es war ein positives Abschiednehmen.“

In einer Ecke gibt sie sehr Persönliches preis – es ist eine Hommage an ihre Mutter, die gerne Künstlerin geworden wäre. Auf einer Etagere stehen Kristallgläser und eine Flasche Aprikosenlikör.

Die darum gruppierten Fotos aus dem Familienalbum zeigen sie und ihre Mutter ausgelassen beim Feiern.

Während Inken Kramp mit ihren Fotos Geschichten erzählt, steht bei der Autodidaktin Tina Schönwald („Ich habe mit elf Jahren angefangen zu fotografieren“) jedes Motiv für sich: Bilder werden durch ihre Bewegungsunschärfe malerisch, manche Motive sind skurril, manche Bilder wirken durch vergrößerte Ausschnitte geheimnisvoll. Schon seit Jahren stöbert Tina Schönwald in ihrer Heimatstadt Ecken auf, die irritieren. „Lost in Lübeck“ heißt der Fotokalender, der ist kurz vor dem Druck.

Unter dem Titel „Die B-Seite der Fotografie“ zeigen die beiden Künstlerinnen knapp 50 Bilder, aufgezogen auf Kunststoff-Pappen im Format eines großen Kalenderblattes, in DIN A 4-Schulheft- oder Postkartengröße. Die kleinen Bilder stehen in „Wühlkörben“ parat. „Wir wollen Menschen, die nicht viel Geld haben, die Möglichkeit geben, Kunst zu kaufen“, beschreiben die Fotografinnen ihre Absicht – die kleinen Formate sind für 10 Euro, die großen für 50 zu haben.

Dorothea Kurz-Kohnert

Happening Kunsttankstelle Lübeck, heute und morgen, 18-22 Uhr, Wallstraße 3-5, „B-Seite der Fotografie“.

LN

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