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Der digitale Günter Grass

Lübeck Der digitale Günter Grass

Das Lübecker Grass-Haus hat seine Bestände digitalisiert – Erleichterung für Wissenschaftler und Ausstellungsmacher.

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„Ein Meilenstein“: Jörg Philipp Thomas (l.) und Hans Wißkirchen mit Léonie Tschache, die die Werke am Rechner betreut hat.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Lübeck. Günter Grass hat mal auf einem Tempo-Taschentuch ein Gedicht geschrieben, man kann sich das Material eben nicht immer aussuchen. Aber solch ein Taschentuch ist eine zarte Sache und wenig geeignet, von Forscherhand zu Forscherhand zu gehen. Da ist es gut, dass man es sich jetzt am Bildschirm ansehen kann, eingescannt und jederzeit verfügbar.

Das Gedicht zählt zu den mehr als 1300 Zeichnungen, Radierungen, Aquarellen und Lithographien aus sechs Jahrzehnten, zu den etwa 30000 Manuskriptseiten, Presseartikeln und wissenschaftlichen Aufsätzen, die jetzt digitalisiert und inventarisiert im Lübecker Grass-Haus vorliegen. Acht Monate haben die Arbeiten gedauert, ermöglicht mit 25000 Euro aus dem Etat von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Von Anfang August an sollen die Dokumente online zugänglich sein.

„Wenn man über Grass forschen will, kommt man an Lübeck nicht vorbei“, sagte Hans Wißkirchen, Leitender Direktor der Lübecker Museen. Das sei jetzt besser und zielgenauer möglich. Grass-HausChef Jörg Philipp Thomas sprach von einem „Meilenstein“ und verwies auf „hochkarätige Anfragen“, die das Haus fast jede Woche erreichten. Forschungen einer Professorin aus Ohio zu Grass’ „Mein Jahrhundert“, eine frühere Dissertation über die Insekten im Werk des Nobelpreisträgers – all das ist und wäre jetzt leichter machbar. Und die Originale brauchen auch nicht mehr angefasst zu werden.

Außerdem kann man Grass bei der Arbeit zusehen. Vom Arbeitsplan, den er sich seit der „Blechtrommel“ vor jedem Buch gemacht hat, über den ersten handschriftlichen Text, die Version auf seiner alten Olivetti-Schreibmaschine, die Version des Lektors Helmut Frielinghaus bis zu den Korrekturen in den Zwischenstufen – Literatur ist sorgsame, immer wieder betrachtete und justierte Arbeit, jedenfalls bei Grass. Und dass er sich auf Briefpapier des New Yorker „Algonquin“-Hotels Notizen gemacht und für „Im Krebsgang“ ein Lexikon über Internet-Sprache besorgt hat, erfährt man auch.

Außerdem werden Grass’ bildkünstlerische Arbeiten laufend irgendwo gezeigt. Derzeit gibt es allein in Korea drei Ausstellungen, eine in Ecuador und im schwedischen Växjö, am Freitag wurde eine Schau im Westpreußischen Landesmuseum in Warendorf eröffnet. Kuratoren kann das Grass-Haus künftig auf seine Homepage verweisen, statt mühsam in den Beständen zu recherchieren. Und die Macher können ihre Ausstellung dank genauer Größenangaben zu den Werken am Rechner konzipieren.

Das bildnerische Werk wird allgemein zugänglich sein, Arbeiten mit den Manuskripten sind nur im Grass-Hauses möglich. int

LN

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