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Kultur im Norden Der erste Teil des Bruderkriegs
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22:24 20.02.2014
Thomas Schreyer (links) las die infamen Briefe von Thomas Mann, Will Workman die Antworten von Heinrich Mann. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck

Zwei Brüder aus alter (und leicht verfallener) Familie, der eine pädophil veranlagt und eher verklemmt, der andere ein Frauenheld ersten Ranges — diese Konstellation birgt reichlich Zündstoff. Da die Brüder nun auch noch beide Schriftsteller waren, ergab sich eine geradezu klassische Voraussetzung für tiefgreifende Konflikte. Thomas und Heinrich Mann waren dieses Brüderpaar, miteinander in einer seltsamen, konkurrenzbedingten Hassliebe verbunden. Im Ersten Weltkrieg zerstritten sie sich gründlich, darüber wird eine Ausstellung im Buddenbrookhaus ab dem 21.

März berichten. Wie dieser Bruderkrieg sich vorbereitete, wurde am Mittwoch im Studio des Theaters Lübeck erläutert.

Thomas Schreyer (Thomas) und Will Workman (Heinrich) lasen aus Briefen der Jahre 1903 bis 1914. Vor allem das Schreiben von Thomas an Heinrich aus dem Dezember 1903 hatte es in sich. Leichte Plauderei zu Beginn, ein wenig Klatsch und Tratsch — aber dann. Thomas Mann, damals noch der unbekanntere und weniger erfolgreiche der Brüder, verpasste dem älteren Heinrich eine Abreibung, wie der sie noch nicht erlebt hatte. Heinrich Manns Roman „Die Jagd nach Liebe“ wurde von Thomas Mann nicht etwa nur verrissen, sondern mitsamt seinem Autor hingerichtet. Ein unglaublicher Brief, auf den Heinrich gefasst, aber ebenfalls deutlich in der Diktion antwortete. Thomas Schreyer und Will Workman lasen die Briefe mit Inbrunst, Thomas Manns durch Ironie getarnte Arroganz wurde ebenso deutlich wie die Wut und die Hilflosigkeit von Heinrich Mann.

Helmut Koopmann, einer der Altmeister der Heinrich-und-Thomas-Mann-Forschung, versuchte im zweiten Teil der Veranstaltung Licht in das seltsame Gebaren der Brüder zu bringen. Er entwickelte ein kompliziertes Gefüge aus Neid, Missgunst und Misstrauen, Angst und Befangenheiten, in denen sich die Brüder Mann verrannt hatten. In den Vorwürfen gegen seinen Bruder, etwa der übertrieben offen dargestellten Sexualität, wandte sich Thomas Mann gegen eine Seite in sich selbst, die ihm unheimlich war. Projektionen dieser Art konnte Helmut Koopmann zahlreich nachweisen — Thomas Mann ist noch immer ein dankbares Objekt für psychologisierende Literaturbetrachtung. Im Ersten Weltkrieg kam es dann zum vollkommenen Bruch der Brüder. Aber darüber mehr in der Ausstellung im Buddenbrookhaus.

Jürgen Feldhoff

LN

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