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Der ewige Faxenmacher

Der ewige Faxenmacher

Er war Fun-Punker und ist für jeden Quatsch zu haben: Am Sonntag wird Rocko Schamoni 50 Jahre alt — und er erzählt von seiner Sicht auf die Welt.

Hamburg. Die Welt sähe vielleicht nicht anders aus ohne sie, Hamburg aber schon. Jedenfalls ein bisschen, jedenfalls der Hamburger Underground, in den die drei Jungs aus Schleswig-Holstein in den Achtzigerjahren mit großen Augen und großer Lust am Anarchischen einsickerten.

Sie machten Punk und Kunst und irgendwas dazwischen, und sie hatten viel Spaß dabei. Inzwischen sind der Maler Daniel Richter, der Regisseur, Autor und Musiker Schorsch Kamerun sowie der Autor und Entertainer Rocko Schamoni etabliert in Feuilleton und Kulturbetrieb. Und mit Rocko Schamoni wird einer von ihnen morgen fünfzig Jahre alt.

Er kommt wie sein Freund Daniel Richter aus Lütjenburg (Schorsch Kamerun aus Timmendorfer Strand), und er findet diesen runden Geburtstag wenig komisch. „Jetzt bin ich an dem Punkt, an dem der Rückbau des Körpers definitiv begonnen hat. Das muss ich schmerzlich durch den Verlust der Sehkraft, verkürzte Sehnen und Bänder und morsche Gelenke feststellen“, sagt er im Künstlerzimmer von Alma Hoppes Hamburger Lustspielhaus, wo er gleich auf die Bühne geht. „Altern ist freudlos. Ich find‘ es nicht gut. Und der Tod ist eine Zumutung. Man sollte ihn abschaffen.“ Aber mit Melancholie dieser Art kennt er sich aus. „Ich habe Zeit meines Lebens zurückgeblickt — aber nicht in dem Sinne, dass ich mich nach etwas zurücksehne“, sagt der Lehrersohn aus dem Kreis Plön, der als Tobias Albrecht auf die Welt kam. Daher sei er, seit er denken könne, „in permanenter Midlife-Crisis“.

Das fing schon in der Schule an, wo er „maximal versagt“ habe. Er ist dann beim Jugendaufbauwerk der Heilsarmee in Plön gelandet und hat auf Drängen seiner Eltern eine Töpferlehre gemacht — bonjour Tristesse. Aber wo Gefahr und Langeweile wachsen, wächst das Rettende auch. Das war bei Schamoni wie bei so vielen die Musik, waren Songs wie „Smoke on the Water“ von Deep Purple. Er hat es irgendwann „wie alle Landjungs“ auf der E-Gitarre gespielt, und die Mädchen fanden es toll. Also hat er angefangen, richtig Gitarre zu lernen, und gemerkt: „Die Effekte sind stark beim weiblichen Geschlecht.“ Musik, sagt er, sei das Beste, was er kennengelernt habe auf der Welt. Musik und die Liebe, das seien „die beiden Stränge, die mein Leben und meine Seele komplett durchdringen“. Und das alles trotz — oder wegen — seiner Veranlagung zum Unglücklichsein. „Depressionen sind meine Lebensbegleitung. In meiner Familie gibt es da eine gewisse Tradition. Ich habe die Staffel übernommen, und ich werde sie nicht mehr los.“

Das Gute daran: Das gefühlte Unglück geriet ihm zum Auslöser für seine Kreativität. „Deswegen habe ich gegen meine Depression auch gar nicht mehr richtig was einzuwenden“, hält er die Dinge in der Waage. Jedenfalls hat diese Kreativität unter anderem zu „Dorfpunks“ geführt, seinem Romanbestseller von 2004, der auch als Musical am Deutschen Schauspielhaus Hamburg Erfolge feierte.

Er hat weitere Bücher geschrieben, betreibt mit Heinz Strunk („Fleisch ist mein Gemüse“, „Der goldene Handschuh“) und Jacques Palminger die Humorvereinigung Studio Braun. Zusammen haben sie mit der Fake-Band „Fraktus“ Alben und einen Film gemacht und sind auf Tournee gegangen.

Er ist selbst immer wieder mit „Songs & Stories“ zu sehen (vor einem Vierteljahr im Theater Lübeck), zählt zum Kreis um den kürzlich abgebrannten Hamburger „Golden Pudel Club“, und das nächste Werk ist „Ich will nicht schuld sein an deinem Niedergang“, ein mit dem österreichischen TV-Moderator Christoph Grissemann verfasstes SMS-Buch über „Beschimpfungen und Erniedrigungen“. Im Spätsommer soll es erscheinen.

Kann man mit 50 noch Fun-Punk und ewiger Faxenmacher sein? Dafür holt der Vater einer Tochter etwas aus. „Als Fun-Punker haben wir mit den Toten Hosen und den Goldenen Zitronen gezeigt, dass man eine politische Grundeinstellung und trotzdem Spaß haben kann“, sagt er. Damals, in den 80ern und 90ern, habe er sich als Anarchist gesehen. „Und davon ist etwas übrig geblieben.“ Im Anarchismus stecke die sehr konstruktive Idee eines Miteinander ohne Herrschaft. „Einer hat mal gesagt: Die Welt ist schlecht, das Leben ist schön — was gibt‘s daran nicht zu verstehen?.“ Spricht‘s und entschwindet auf die Bühne. Ulrike Cordes/Peter Intelmann

LN

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