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Der finale Akt eines Theater-Dramas

Schleswig Der finale Akt eines Theater-Dramas

„Baumeister Solness“ ist die letzte Inszenierung, die das Landestheater in Schleswig produziert.

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Last Picture Show: Baumeister Halvard Solness (Stefan Hufschmidt) wird von der jungen Hilde (Thyra Uhde, l.) umgarnt. Seine Frau Aline (Karin Winkler) ist verstummt.

Quelle: Landestheater

Schleswig. Seit dem 18. Jahrhundert wird in Schleswig eigenes Theater gemacht — eine lange Tradition, die nun allerdings zu Ende geht. Am kommenden Sonntag hat in der Kreisstadt an der Schlei Henrik Ibsens Schauspiel „Baumeister Solness“ Premiere. Es ist eine Last Picture Show, denn die Inszenierung des früheren Lübecker Oberspielleiters Reinhard Göber ist die letzte Produktion, die in Schleswig selbst entstanden ist.

LN-Bild

„Baumeister Solness“ ist die letzte Inszenierung, die das Landestheater in Schleswig produziert.

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Danach werden hier nur noch Schauspielaufführungen zu sehen sein, die am Theater in Rendsburg einstudiert wurden, das wie jenes in der alten Residenzstadt zum Verbund des Landestheaters Schleswig-Holstein (Intendant: Peter Grisebach) gehört. Schleswig verliert so den bedeutsamen Status eines Produktionsstandorts und schrumpft auf das Kleinformat eines Gastspielortes. Schlimmer noch:

Die Stadt büßt auch ihre zentrale Stellung als Sitz des Landestheaters ein, der schon im Mai nach Rendsburg verlegt wird.

Provisorium Slesvighus

Es ist der letzte Akt eines Dramas, das mit der Schließung des 1839 eröffneten, 2011 jedoch als einsturzgefährdet eingestuften klassizistischen Theaterbaus zwar nicht begann, aber seinen Höhe- und Wendepunkt erreichte.

Nach der wie ein Schlag ins Kontor wirkenden Verweigerung der Betriebsgenehmigung für das inzwischen abgerissene Gebäude zog man ins nahe gelegene Slesvighus um, ein völlig unzureichendes Provisorium mit einer Mini-Spielfläche von gerade zehn mal acht Metern und ohne Bühnenmaschinerie, Schnürboden oder Orchestergraben.

Versuche, den Bau eines neuen und funktionstüchtigen Theaters auf den Weg zu bringen, scheiterten. Eine Machbarkeitsstudie der Landesregierung mit dem Ziel, auf dem Hesterberg ein multifunktionales Kulturzentrum samt Theaterneubau für 15 Millionen zu schaffen, wurde von der Schleswiger Ratsversammlung abgelehnt, wobei wohl auch kleinkarierte kommunalpolitische Interessen eine ungute Rolle spielten. Neuerdings freilich will man nun doch ganz schnell Nägel mit Köpfen machen. Ende 2015 kaufte die Stadt ein ehemaliges Bundeswehr-Mannschaftsheim auf dem kommunalen Entwicklungsgebiet „Freiheit“ mit der Absicht, das Gebäude zu einer Spielstätte für das Landestheater umzugestalten. Sogar die Errichtung eines Bühnenturms und der Einbau ansteigender Zuschauerreihen werden erwogen, wobei es fraglich erscheint, ob die anvisierte Kostenobergrenze von fünf Millionen Euro derartige Baumaßnahmen überhaupt erlaubt.

Eine neue Theater-Heimat

Konfliktstoff birgt überdies die Tatsache, dass in dem Haus seit drei Jahren die Varieté-Bühne „Heimat“ residiert, die nach der Umgestaltung des Gebäudes in Koexistenz mit dem Theater dort verbleiben soll. Ob das Nebeneinander von privatwirtschaftlich finanzierter Unterhaltung (Comedy, Kabarett, Konzerte) und öffentlich subventionierter Bühnenkultur reibungslos funktionieren kann, wird in Kreisen des Theaters bezweifelt. Man sieht zum Beispiel die Gefahr von Terminkollisionen, die dann zugunsten der Entertainment-Bühne entschieden werden könnten. Eine Befürchtung, die nicht an den Haaren herbeigezogen ist, denn wenn es nach dem Willen vieler Ratsmitglieder geht, soll der Betreiber der „Heimat“, Mario Hoff, als Veranstaltungsmanager einer noch zu gründenden Kulturhaus GmbH an einer Schaltstelle sitzen.

Wie auch immer, das Projekt auf der „Freiheit“ kommt entschieden zu spät. Der Zug ist abgefahren. Schon im Mai verlässt das Landestheater seinen bisherigen Verwaltungssitz in Schleswig und zieht mit rund 60 Mitarbeitern in seine künftige Zentrale Rendsburg um, und das bislang auf Schleswig und Rendsburg verteilte Schauspiel wird ebenfalls am neuen Standort konzentriert. Ende einer mehr als fast 250-jährigen Theatergeschichte in Schleswig mit vielen Auf- und Abschwüngen. Erstere prägten vor allem eine Phase nach 1945, als die Intendanten Horst Gnekow, Karl Vibach (später Lübeck) und Horst Mesalla die Landesbühne zu überregionaler Beachtung führten, was auch den Ruf der Theaterstadt an der Schlei bis in die Gegenwart hinein stärkte. Das ist nun alsbald Vergangenheit.

Ein Trostpflaster bleibt trotzdem: Auch künftig soll es ab und zu Premieren in Schleswig geben. Die Aufführungen allerdings werden Importe aus Rendsburg sein.

Premiere von „Baumeister Solness“: So., 24. April, 19 Uhr, Slesvighus in Schleswig (Lollfuß 89 ); Karten: ticketonline.de

Ein Theater und ein Stück von 1892

Das Stadttheater in Schleswig, erbaut 1892, war die Keimzelle der Schleswig-Holsteinischen Landestheater und Sinfonieorchester GmbH, der größten deutschen Landesbühne. 1974 wurde der Gesellschaftervertrag zwischen 20 Städten und Kreisen geschlossen. Musiktheater und Orchester haben ihren Sitz in Flensburg, das Schauspiel ist Schleswig und Rendsburg zugeteilt, die Verwaltungszentrale befand sich bisher in Schleswig. Aufführungsorte sind Husum, Heide, Itzehoe, Niebüll, Meldorf und Neumünster. Das Landestheater zählt heute 323 Beschäftigte, es bestreitet über 600 Vorstellungen pro Spielzeit. Generalintendant und Geschäftsführer ist Peter Grisebach, der die GmbH seit August 2010 leitet.

„Baumeister Solness“, das Stück von Henrik Ibsen, das als letztes in Schleswig erarbeitet wurde, stammt aus dem Jahr, in dem der Schleswiger Gastwirt Nissen sein Gesellschaftshaus, das spätere Stadttheater, eröffnete — 1892. Der klassizistische Bau ist Geschichte, das Drama um bürgerliche Konventionen nach wie vor lebendig. Solness ist ein Architekt, der Altes abreißen lässt, um Neues zu schaffen, auch wenn er dafür über Leichen gehen muss. Die 22 Jahre alte Hilde Wangel fordert ihn heraus, sie will mit ihm gemeinsam „Luftschlösser“ bauen. Ihre Energie treibt Solness an — bis zum Absturz. Regie führt Reinhard Göber, designierter Intendant des Theaters Vorpommern (Greifswald, Stralsund, Putbus).

Von Hermann Hofer

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