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Der französische Salonlöwe

Paris Der französische Salonlöwe

Leinwandstar Michel Piccoli wird 90 — In seiner Autobiografie gewährt er überraschende Einblicke in sein Leben und seine Gefühlswelt — Zum Beispiel, dass er in Angst vor dem Ende lebt.

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1982 mit Romy Schneider in „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“.

Paris. Er hat Romy Schneider geküsst, Nacktszenen mit Brigitte Bardot gedreht. In mehr als 200 Filmen hat Michel Piccoli — meist — den selbstbewussten, von Frauen umschwärmten Kerl gegeben. Zu seinem 90. Geburtstag am kommenden Sonntag legt der Charakterdarsteller nun eine Autobiografie vor — mit nicht gerade optimistischen Aussagen. Er sei noch am Leben, und dennoch sei alles vorbei, schreibt er. Er sei in jener Situation, in der man über ihn bereits in der Vergangenheit erzähle.

Sein Buch „J‘ai vécu dans mes rêves“ (auf deutsche etwa: „Ich habe in meinen Träumen gelebt“) hat die Jahrhundertfigur des französischen Kinos gemeinsam mit Gilles Jacob veröffentlicht, dem Ex-Präsidenten des Filmfestivals von Cannes. Die beiden kennen sich seit 40 Jahren. Als Piccoli 1980 für „Der Sprung ins Leere“ in Cannes die Goldene Palme als bester Darsteller gewann, war Jacob noch künstlerischer Leiter, bevor er von 2001 bis 2014 die Spitze des Festivals übernahm. Jacob gegenüber redet Piccoli ohne Scheu — was er in der Öffentlichkeit bislang vermied.

Mit Romy Schneider (1938-1982) drehte er sechs Filme, darunter „Die Dinge des Lebens“ und „Das Mädchen und der Kommissar“. Zwischen den beiden entwickelte sich in jedem Film eine starke erotische Spannung Sie seien oft schwach geworden und hätten sich zu nicht immer „ehrlichen Gesten“ hinreißen lassen, gesteht Piccoli im Buch. Doch das habe nicht ihre Freundschaft zerstört.  

Ein Mann, den die Frauen lieben

Piccoli ist der Sohn einer Musikerfamilie italienischer Herkunft. Sein Vater war Geiger, seine Mutter Pianistin. Eltern ohne Leidenschaft, wie er schreibt. Er kam nach dem Tod des von seiner Mutter über alles geliebten Bruders zur Welt. Seine ganze Kindheit über habe er mit einem Phantom gelebt. „Das Theater war in erster Linie der Wunsch gewesen zu fliehen“, offenbart er.

Schauspielstudium, Auftritte auf verschiedenen Bühnen und ab 1960 Filme mit Stars wie Brigitte Bardot, Romy Schneider und Regisseuren wie Alfred Hitchcock, Luis Buñuel und Jean-Luc Godard. Auch abseits seines Filmlebens pflegte Piccoli das Image des unwiderstehlichen Liebhabers, aber auch des Salonlöwen mit erstklassigen Manieren. Er war mehrmals verheiratet, von 1966 bis 1977 mit der Sängerin und Schauspielerin Juliette Gréco.

Er konnte auch ganz anders: Im Film „Themroc“ (1972) von Regisseur Claude Faraldo durfte er den Proleten geben, der sich von allen Zwängen befreit. Dieser Themroc mauert die Tür seiner Mietwohnung zu, schlägt mit dem Vorschlaghammer die Außenwand zur Straße hin auf, entledigt sich der Kleidung, lebt seine Sexualität ohne Hemmungen und richtet sich als kannibalistischer Höhlenmensch ein, der seine Nachbarn mit dem Virus der Anarchie infiziert.

In einer seiner letzten Rollen wurde Piccoli wieder hoch seriös — er spielte einen Kardinal, der zum Papst ernannt werden soll. Der Film „Habemus Papam“ von Nanni Moretti wurde 2011 in Cannes gezeigt. Der Papst, angesichts seiner Berufung von Angst geplagt, war für Piccoli eine Paraderolle. Er gehört zu den begnadeten Schauspielern, die mit Mimik und wenigen Gesten einen Charakter deutlich machen können. Allein die Art, wie er seine Augenbrauen zusammenzieht, spricht Bände.

Das Gedächtnis lässt nach

Die belgische Regisseurin Agnès Varda (87), mit der Piccoli 1995 den Film „Hundert und eine Nacht“ drehte, preist den Schauspieler mit den Worten: „Er versteht es, seine Kunst zu verbergen, weil er die Gabe hat, sie sparsam einzusetzen.“ Der Film war eine Hommage auf 100 Jahre Filmkunst. Piccoli spielt Monsieur Cinéma, einen alten Mann, der zu seinem 100. Geburtstag die ganze Filmgeschichte Revue passieren lassen will. Doch leider lässt sein Gedächtnis nach. So wie das von Piccoli. Für einen Schauspieler sei das eine Katastrophe, gesteht er in dem Buch. Er wünsche sich, dass er ewig weiter spielen könne, doch leider werde es irgendwann ein Ende geben. 

Michel Piccoli und seine Filme
Am 27. Dezember 1925 wird Michel Piccoli in Paris geboren. Seit 1944 ist er im Filmgeschäft. Seine erste Hauptrolle spielt er neben Brigitte Bardot 1963 in „Die Verachtung“ Jean-Luc Godard.
Es folgten Rollen unter anderem mit Catherine Deneuve „Belle de Jour“ (1967) und Romy Schneider „Trio Infernal“ (1974). Piccoli war außerdem zu sehen in „Topas“ (1968), „Das Attentat“ (1972), „Das große Fressen“ (1973), „Dieses obskure Objekt der Begierde“ (1977) oder „Der Maulwurf“ (1981). Im Jahr 1982 spielte er in „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ zum letzten Mal mit Romy Schneider.
Sein letzter Auftritt war 2012 eine Nebenrolle im Historienfilm „Lines of Wellington — Sturm über Portugal“ von Valeria Sarmiento .

Sabine Glaubitz und Michael Berger

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