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Der fremde Blick auf den Wagner-Clan

Bayreuth Der fremde Blick auf den Wagner-Clan

„Meistersinger“ als Familiengeschichte: Regisseur Barrie Kosky lässt Bayreuther Festspiele leuchten.

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Alles Wagner in der Villa „Wahnfried“: Eva (Anne Schwanewilms) gleicht Cosima, Stolzing (Klaus Florian Vogt, M.) und Hans Sachs (Michael Volle, r.) sind Ebenbilder des Komponisten.

Quelle: Fotos: Dpa

Bayreuth. Kaum lässt man mal jemand anderen ran, geht es ans Eingemachte. Barrie Kosky ist der erste Regisseur der Nachkriegszeit, der Wagners „Meistersinger von Nürnberg“

 

LN-Bild

Karikatur des „ewigen Juden“: Johannes Martin Kränzle als Beckmesser.

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in Bayreuth inszeniert und kein direkter Nachfahre des Komponisten ist. Zur Eröffnung der Festspiele erzählt er diese Sonderbarste aller Wagner-Opern als eine Familiengeschichte, die weit über alle Privatangelegenheiten hinausgeht.

Es beginnt gemütlich im Wohnzimmer. Zu den Klängen der Ouvertüre, denen Dirigent Philippe Jordan eine Schlankheitskur verordnet hat, blickt man in den Salon von Wagners Bayreuther Residenz „Wahnfried“. Während der Hausherr noch die Hunde ausführt und die Gattin mit Migräne darniederliegt, treffen Gäste ein: Schwiegervater Franz Liszt und Dirigent Hermann Levi. Man beginnt zu musizieren, Wagner macht seinem Schwiegervater den Platz am Flügel streitig, bis beide vierhändig auf die Tasten dreschen. Auf dem Höhepunkt der Ouvertüre öffnet sich der Deckel des Flügels, heraus tritt das übrige Personal: Wagner, Wagner und Wagner.

Kosky macht ernst mit dem Gedanken, dass der Komponist sich selbst und die Menschen seiner nächsten Umgebung mit den meisten seiner Figuren identifiziert hat.Und so sieht nicht nur Hans Sachs, der selbstlos einer geliebten Frau entsagt, aus wie sein Erfinder, sondern auch Walther von Stolzing, der diese Frau erobert. Die Eva aus dem Stück wird zu Wagners Frau Cosima, ihr Vater Veit Pogner folgerichtig zu Liszt.

Nur einer gehört nicht zur Familie: Hermann Levi, der erste „Parsifal“-Dirigent, wurde von den Wagners wegen seiner jüdischen Herkunft in „Wahnfried“ immer wieder gedemütigt. Wenn Kosky zeigt, wie die Familie den Gast im Choral der Eröffnungsszene zum Beten auf die Knie zwingt, ist das wohl nah an den historischen Begebenheiten. 120 Jahren nach Levis qualvollem Abgang von den Festspielen bringt der Regisseur ihn nun als Beckmesser nach Bayreuth zurück: der Jude als Witzfigur in Wagners finsterer Komödie.

Besonders neu ist dieser Gedanke nicht, aber Kosky, der selbst der erste jüdische Regisseur auf dem Grünen Hügel ist, führt ihn leichthändig und konsequent aus. Aus dem Wohnzimmer, wo sich bald auch die Meister als Lebkuchen mampfende Dürer-Karikaturen (Kostüme: Klaus Bruns) tummeln, zoomt Kosky am Ende des ersten Aktes urplötzlich in den Verhandlungssaal der Nürnberger Prozesse (Bühne: Rebecca Ringst).

Der Regisseur erspart den Zuschauern so den Anblick von SS-Männern in der Oper. Er kommt vom Vorspiel in „Wahnfried“ direkt zum Nachspiel von Nürnberg. Der Gerichtssaal bleibt Schauplatz für den Rest der Aufführung. Im zweiten Akt scheint zunächst Gras über die Sache gewachsen zu sein, bevor sich in der Prügelfuge der riesige aufblasbare Kopf einer Judenkarikatur erhebt. Die Frage, was Wagners Antisemitismus mit dem Holocaust zu tun hat, ist damit beantwortet.

Trotzdem bleibt Koskys Inszenierung weit entfernt von starrer Anklage. Sie ist so verspielt und vieldeutig wie Wagners Musik. Natürlich verlegt Kosky auch die Festwiese in den Gerichtssaal – zum Tribunal wird die Szene aber nicht. Statt Richter und Angeklagter gibt es nur eine Volksmasse, die sogar ganz verschwindet, wenn Sachs am Ende seine berüchtigte Meister-Rede hält („Was deutsch und echt, wüßt Keiner mehr, / lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr“).

Michael Volle bekommt als Sachs für die letzten Minuten dieser längsten aller langen Wagner-Partien die Bühne für sich allein. Konnte der Bariton auch schon in den vier Stunden zuvor mit seiner farbenreichen Stimme begeistern – hier verdichtet sich sein differenziertes Rollenporträt zum Höhepunkt. Dass Volle seine stimmlichen Möglichkeiten so weit entfalten kann, liegt auch an Dirigent Jordan: Wunderbar, wie er den Sängern Zeit lässt, in die Tiefe ihrer Figuren vorzudringen.

Auch Johannes Martin Kränzle als Beckmesser kann dies für sich nutzen. Klaus Florian Vogt fremdelt manchmal mit den Tempi, ist aber noch ein jugendlicher Stolzing. Überzeugend sind zudem Anna Schwanewils und Wiebke Lehmkuhl, auch wenn sie als Eva und Magdalene keine große Rolle in diesem Männerstück spielen. So ist diese bejubelte „Meistersinger“- Version die Erfolgsproduktion, auf die man in Bayreuth sehnsüchtig gewartet hat. Es musste wohl erst jemand kommen, der so gar nicht zur Familie gehört.

Karikatur des Pedanten

Beckmesser, der Name der Figur des Stadtschreibers aus Richard Wagners Oper „Die Meistersinger von Nürnberg“, ist in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Als Beckmesser wird jemand bezeichnet, der andere Menschen kleinlich und pedantisch kritisiert und sich an überkommenen Regeln festklammert. In der Figur wurden auch antisemitische Züge erkannt.

Richard Wagner schuf den „Merker“ Sixtus Beckmesser als Parodie auf den (jüdischen) Kritiker Eduard Hanslick (1825- 1904), der die Werke des Komponisten nicht schätzte. Wagner hatte ursprünglich erwogen, die Figur „Hans Lick“ zu nennen.

Stefan Arndt

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