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Der härteste Gegner ist am Ende immer man selbst

Lübeck Der härteste Gegner ist am Ende immer man selbst

„Grass außer Haus“ – Lesung mit Björn Engholm und Andreas Hutzel im Lübecker Boxclub „World of Punch“.

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Standen sich mit Literatur vor etwa 100 Zuschauern im Ring gegenüber: Björn Engholm (r.) und Andreas Hutzel.

Quelle: Thortsen Wulff

Lübeck. Lübeck. „Me. We.“, ich, wir, viel kürzer geht es nicht. Muhammad Ali hat das gedichtet. Er war zu Gast in der Havard Universität, und als die Studenten ihn um ein paar Zeilen baten, hat er ihnen das gegeben. Ich. Wir. Da steckt im Grunde schon die ganze Tragweite eines Boxkampfes und eines Boxerlebens drin. Viel mehr braucht man nicht zu wissen, wenn man die beiden Worte richtig auslotet.

Es ist daher nur auf den ersten Blick verwegen, wenn sich die Literatur zum Boxen begibt. So wie am Freitag, als das Lübecker GrassHaus in der „World of Punch“ zu Gast war, einem Boxclub im Gewerbegebiet Hinter den Kirschkaten. Die Mannschaft um Museumsleiter Jörg-Philipp Thomsa ist schon häufiger mit Lesungen an ungewöhnlichen Plätzen in der Stadt unterwegs gewesen. „Grass außer Haus“

heißt die Reihe, eine Reise zu außerschulischen Lernorten, wenn man so will, und diesmal führte sie zwischen Hantelbänken und Sandsäcken in einen Boxring. In der roten Ecke stand Andreas Hutzel, Schauspieler des Lübecker Theaters, in der blauen Ecke Björn Engholm, Ex-Ministerpräsident und im Club ein wenig zu Hause, weil er hier ein-, zweimal die Woche mit einem Freund Gewichte stemmt.

Geboxt wurde auch, dreimal jeweils drei Runden. Im Hauptkampf standen sich Hausherr Christian Honhold und Nico Rickenstorf gegenüber, zwei Schwergewichtler, und man kann nicht sagen, dass sie sich geschont hätten. Es war eher so wie zwischen Günter Grass und Marcel Reich-Ranicki, als dem Kritiker Grass’ Buch „Ein weites Feld“ nicht gefallen hatte. Nachher war aber wieder alles gut.

Texte von Bert Brecht wurden vorgetragen, von Ror Wolf und Robert Musil, von Wolf Wondratschek, der genauso häufig am Boxring saß wie zu Hause am Schreibtisch. „Ein Irrtum im Ring wird gnadenlos bestraft“, schrieb er. „Er kann dich dein ganzes Herz kosten, von der Gesundheit ganz zu schweigen.“ George Bernard Shaw hat übers Boxen geschrieben, Ringelnatz, Günter Grass. Joyce Carol Oates sah das Leben wie einen Fight: immer neue Runden, immer neue Gegner, am Ende aber ist der härteste Gegner man selbst. Kurt Tucholsky fand erstaunliche Ähnlichkeiten zwischen Boxen und dem Liebesspiel.

Und als in Brechts „Mahagony“-Oper der Dreieinigkeitsmoses im Ring steht und am Ende tatsächlich einer tot ist, ordnete Hutzel das mit der lakonischen Bemerkung ein: „Das ist eben Brecht.“ Muhammad Ali aber war der Weiseste von allen. „Lebe jeden Tag, als wäre es dein letzter“, hat er gesagt. „Irgendwann wirst du Recht behalten.“ int

LN

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