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Kultur im Norden Der vergessene Lieblingsmaler
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20:26 27.06.2013
Maler mit Gottvater-Habitus: Thomas „Selbstbildnis vor Birkenwald“ (1899).

Ist es vorstellbar, dass Gerhard Richter in 100 Jahren keiner mehr kennt? Hans Thoma (1839- 1924) ist es so ergangen — und er war sogar zu seiner Zeit noch populärer als Richter heute. Nach Thoma wurden schon zu Lebzeiten Straßen benannt, in Städten wie Frankfurt, Zwickau oder Bremen. Wenn der Künstler, der zwei Jahrzehnte lang Direktor der Kunsthalle Karlsruhe war, zur Arbeit ging, führte ihn der Weg in die Hans-Thoma-Straße.

Das Städel-Museum in Frankfurt widmet dem einstigen Superstar jetzt eine umfangreiche Ausstellung. Bis 29. September erinnert das Haus mit mehr als 100 Werken an den vergessenen „Lieblingsmaler des deutschen Volkes“. Das titelgebende Zitat entstammt Meyers Lexikon von 1909.

Während Thoma einst in aller Munde gewesen sei, müssten heute sogar viele Kunsthistoriker bei dem Namen passen, sagt der Kurator Felix Krämer, der in den Ausstellungsräumen giftgrünen Kunstrasen auslegen lässt — „passend zum saftigen Grün von Thomas Landschaften“. Vom Fall Thoma ließen sich Schlüsse zur Gegenwart ziehen: „Ich würde meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass die Top-Fünf der am teuersten gehandelten Gegenwartskünstler das auch für alle Zeiten sind.“

Thoma habe im Grunde Postkartenidyllen gemalt, meint Krämer. Genau der Eindruck des unverbildet Natürlichen und Naiven aber erklärt wohl seinen Erfolg bei der städtischen Käuferschaft.

Neben der Sehnsucht nach Idylle war es wohl die Künstlerpersönlichkeit, die die Zeitgenossen für ihn einnahm: „Thoma trug Rauschebart, war ein bisschen bequem, gottvaterartig, und publizierte extrem viel, unter anderem Kinderbücher zum Ausmalen, Kalender mit Bibelsprüchen und Grafiken mit Wagner-Motiven“, sagt Krämer.

Auf dem Höhepunkt des Ruhms stand der Maler von Meerweibern und Walhalla-Göttern kurz nach seinem Tod, in den 1930er-Jahren. Die Volkstümlichkeit passte ins nationalsozialistische Blut- und Bodenschema. Aber auch in der DDR wurde er geschätzt: als Illustrator des Lebens der einfachen Bevölkerung.

Von Museen wird üblicherweise erwartet, dass sie ihre Gegenstände feiern. Mit der Thoma-Wiederbelebung, die durchaus auf Gegenwind stoßen könnte, beschreitet das Städel einen anderen Weg: Es stellt die kritische Auseinandersetzung in den Mittelpunkt einer Ausstellung. Deswegen wird auch kein roter Teppich ausgelegt, sondern ein borstiger grüner.

„Hans Thoma — Lieblingsmaler des deutschen Volkes“, Städel-Museum Frankfurt, Dürerstraße 2, 3. Juli bis 29. September

Johanna Di Blasi

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