Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Der zweifelhafte Prophet
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Der zweifelhafte Prophet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:19 10.07.2018
Stefan George.
Lübeck

Es ist nicht einfach, sich diesem Menschen zu nähern. Was vor allem daran liegt, dass es nahezu unmöglich ist, etwas über Stefan George zu erfahren, das nicht durch die Filter seiner Selbstinszenierung und der Beschwichtigungen und Reinigungen seiner Jünger gegangen ist. George, 1868 in Büdesheim bei Bingen geboren und 1933 im Tessin gestorben, war ein Meister in vielerlei Hinsicht. Niemand seiner Generation inszenierte sich so meisterhaft wie er, niemand scharte einen derartigen Kreis von Jüngern um sich wie dieser auf Fotografien stets etwas unheimlich und unnahbar wirkende seltsame Mann.

Wenige Autoren umgibt lange nach ihrem Tod eine solche Aura wie Stefan George. Ein Seher und Prophet sei er gewesen, sagen die einen. Ein Verführer und Päderast, sagen die anderen. Einig aber sind sich fast alle, dass George Gedichte schrieb, die zu den schönsten deutscher Sprache zählen.

Sein Leben – oder um es in seinem Jargon zu sagen – seine irdische Bahn begann George am Zusammenfluss von Nahe und Rhein, dieser Landschaft seiner Kindheit blieb er Zeit seines Lebens ebenso verbunden wie dem Wein, mit dem sein Vater in großem Stile handelte. Ausgerechnet dieser Wort-Zauberer sprach auch sein Leben lang mit rheinhessischem Akzent. Was an seinem Charisma aber nichts änderte – zu diesem Begriff später mehr.

Nach dem Abitur ging der junge George auf Reisen unter anderem nach Frankreich. Dort sägten Symbolisten wie Rimbaud, Verlaine und Mallarmé den Romantikern den Ast ab, auf dem sie saßen, und begründeten einen neuen Ästhetizismus, der den angehenden Dichter zutiefst beeindruckte. Bereits in seinen frühen Gedichten ist zu erkennen, wohin sich der Lyriker Stefan George bewegen würde: Kunst um der Kunst und um der Schönheit willen, Kunst ohne Zweck und vor allem ohne Politik. Die einzige Politik, die George machte, war die innerhalb seines Kreises. Hier zeigte er die Primär- und Sekundärtugenden eines Diktators, der jeden, der durch sein Raster fiel, gnadenlos verfolgte.

Georges Lyrik ist heute fast vergessen, Rainer Maria Rilke ist es ebenso ergangen. Und das, obwohl sie zu ihrer Zeit die wirkmächtigsten Dichter deutscher Sprache waren. Um nur ein Beispiel zu nennen: Arnold Schönberg vertonte 15 Gedichte aus Georges 1895 erschienenem „Buch der hängenden Gärten“. Diese Lieder sind ein Höhepunkt in Schönbergs spätromantischem Frühwerk, von einer seltsamen Kraft durchströmt, die Stimmungen der Gedichte kongenial wiedergebend und verstärkend.

Stefan George aber veränderte sich, er wandelte sich vom Sänger der Schönheit zum Propheten. Und Propheten haben stets dann den größten Erfolg, wenn sie sich als Wissende, als Träger und Bewahrer von Geheimnissen stilisieren. Das gilt für den Welterklärer Rudolf Steiner ebenso wie für Stefan George, der ein „geheimes Deutschland“ beschwor, ohne den Begriff jemals mit Inhalt zu erfüllen. Dieser Wechsel der ästhetischen Position hatte Folgen. Die Herrschaft über den Kreis seiner Jünger wurde härter. Seine Mitglieder platzierten sich in vielen Schlüsselpositionen der Wirtschaft, der Kultur und der Universitäten. Manche mussten weichen: Friedrich Gundolf wurde verstoßen, weil er eine Frau heiratete. Und Percy Gothein musste gehen, weil er seine Homosexualität zu offen auslebte (er wurde 1944 im KZ Neuengamme ermordet). George selbst hatte eine panische Angst davor, als Homosexueller entlarvt zu werden. Dabei war er in jüngeren Jahren selbst als das, was man heute einen „Cruiser“

nennt, nachts am Berliner Nollendorfplatz auf der Suche gewesen. Seinen Gedichtband „Der Stern des Bundes“ nannte der George-Biograf Thomas Karlauf den „ungeheuerlichen Versuch, die Päderastie mit pädagogischem Eifer zur höchsten geistigen Daseinsform zu erklären“. Und in der Tat führt eine direkte Linie vom George-Kreis zu den ungezählten Missbrauchsfällen etwa an der Odenwaldschule.

Der Philosoph Max Weber stand George auch eine Zeitlang nahe. Nachdem er ihn im Kreise seiner Jünger erlebt hatte, erfand Weber den Begriff der „charismatischen Führung“. George selbst war Politik zuwider, wenngleich er dem Dritten Reich nicht ohne Sympathie gegenüberstand. Zu seinen Jüngern aber gehörte auch Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der das Attentat auf Hitler beging – andere Jünger wurden überzeugte Nationalsozialisten.

Stefan George polarisiert zu Recht noch immer. Und trotzdem sollte man ihn so lesen, wie man die Musik Richard Wagners oder Hans Pfitzners hört. Mit kritischer Distanz und Bewunderung.

Zu jubeln ziemt nicht:

kein triumf wird sein

Nur viele untergänge

ohne würde.

Des schöpfers hand entwischt rast eigenmächtig

Unform von blei und blech

gestäng und rohr.

Der selbst lacht grimm wenn falsche heldenreden

Von vormals klingen der als brei und klumpen

Den bruder sinken sah

der in der schandbar

Zerwühlten erde hauste

wie geziefer.

Der alte Gott der schlachten

ist nicht mehr.

Erkrankte welten fiebern

sich zu ende

In dem getob.

Heilig sind nur die säfte

Noch makelfrei verspritzt –

ein ganzer strom.

Komm in den totgesagten park und schau:

Der schimmer ferner

lächelnder gestade –

Der reinen wolken

unverhofftes blau

Erhellt die weiher und

die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb

– das weiche grau

Von birken und von buchs – der wind ist lau –

Die späten rosen welkten

noch nicht ganz –

Erlese küsse sie und

flicht den kranz.

Vergiss auch diese letzten

astern nicht –

Den purpur um die ranken

wilder reben –

Und auch was übrig blieb

von grünem leben

Verwinde leicht im

herbstlichen gesicht.

Von Jürgen Feldhoff

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!