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„Des is die Anna, die Anna, die Anarchie“

Lübeck „Des is die Anna, die Anna, die Anarchie“

Konstantin Wecker zeigte sich in Lübeck kämpferisch wie poetisch und ist mit 69 kein bisschen müde – zur Freude des Publikums.

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Zwischen Revolution und Rose: Konstantin Wecker begeisterte als Rebell und Poet bei seinem Konzert in Lübeck.

Quelle: Olaf Malzahn

Lübeck. Lübeck. „War einmal ein Revoluzzer, im Zivilstand Lampenputzer; ging im Revoluzzerschritt mit den Revoluzzern mit.“ Mit den bekannten Zeilen von Erich Mühsam eröffnet KonstantinWecker den Abend, und damit ist die Marschrichtung klar: Es geht ums Große und Ganze, „Revolution“ heißt das Programm, und wenn er singt, „Das macht mir Wut, so muss es sein, und wenn dir etwas wehtut, musst du schrein“, kann man die Augen zumachen und man hat den Wecker von Anfang der 1980er Jahre vor Augen und im Ohr. An seiner Haltung und seiner Musik hat sich nichts verändert, nur die Haare sind grauer und lichter, genau wie bei seinen Anhängern, die am Freitag zahlreich in die fast restlos ausverkaufte Rotunde der Lübecker Musik- und Kongresshalle gekommen sind.

Ich bin ein bekennender Anarchosyndikalist, aber im Herzen

schon immer ein Romantiker.“Konstantin Wecker

Rebellisch sei er seit 40 Jahren, und daran habe sich nichts geändert, sagt der Politbarde und schlägt wütende Töne an im „Waffenhändler-Tango“, in „Empört euch, beschwert euch“ oder „Des is die Anna, ja die Anna, die Anarchie, bei meiner Seel, die bleibt bei dir, b’scheißt dich nie“. Ein bisschen Agit-Prop, viel Leidenschaft und enorme Lust am Fabulieren und Musizieren steckt in den Liedern, die auch durch den Pianisten Jo Barnikel, die Multiinstrumentalisten Wolfgang Gleixner und Jens Fischer und der schönen wie brillanten Cellistin und Bassistin Fany Kammerlander zum Erlebnis werden.

Liedermacher-Folklore klingt durch, etwa wenn Wecker zum Träumen, zum Denken mit dem Herzen und zum Besiegen des Hasses durch Zärtlichkeit aufruft. Aber ein bisschen Naivität stehe jedem Künstler zu, hieß es kurz vor dem Konzert in der Laudatio, als Wecker mit dem Erich-Mühsam-Preis der gleichnamigen Lübecker Gesellschaft geehrt wurde. „Ich freue mich wahnsinnig über diese Ehre“, sagte er am Abend und begrüßte ebenso, dass das Lübecker Flüchtlingsforum mit dem Mühsam-Förderpreis gewürdigt wurde – spontan spendete er 1500 Euro, die Hälfte seines Preisgeldes, für die Arbeit des Flüchtlingsforums. „Ich bekenne mich uneingeschränkt zur Willkommenskultur“, sagte Wecker beim Konzert, noch nie habe er deshalb so viel Hass und Beleidigungen einstecken müssen wie in den vergangenen Monaten.

Neben dem politischen Liedermacher kam auch der Meister der leisen Töne nicht zu kurz. Intime Liebeslieder an seine „beiden Buben“, 17 und 19 Jahre alt, die nun bald das Haus verlassen, und ein fröhliches Liebeslied an seine Frau („Das darf man auch im Alter noch dichten“) berührten die Zuhörer ebenso wie eine Novalis-Vertonung oder das Lied „Warum“ über eine Rose, die nur ihrer selbst Willen blüht. Egal ob leise oder kämpferisch – immer ist spürbar, dass da jemand singt und spricht, der ganz bei sich ist und eine Haltung hat. Altmodisch vielleicht, aber es kommt an – auch bei den Jüngeren im Publikum. Seine älteren Fans beschenkt Wecker mit Evergreens wie „Ich singe, weil ich ein Lied hab“, oder „Liebeslied“ von 1976 („Ich möchte am Abend mir dir auf fremden Balkonen sitzen“).

Nach zwei Stunden Konzert will der Applaus nicht enden, eine Stunde lang macht Wecker weiter, und nach „Buona notte“ gehen dann auch die Letzten – inspiriert und ermutigt, nur nicht müde zu werden.

Petra Haase

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