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Kultur im Norden Vom äußersten Rand Europas
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07:33 09.10.2018
Die 41-jährige in Lübeck aufgewachsene Autorin Inger-Maria Mahlke wurde für ihren Roman „Archipel“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Quelle: GETTY IMAGES EUROPE
Frankfurt/M./Lübeck

Julio ist Pförtner in einem Altenheim auf Teneriffa. Selbst schon im Seniorenalter bewacht er die letzte Lebenspforte der Menschen vom „Archipel“. So lautet der Titel des Romans von Inger-Maria Mahlke, der am Montagabend mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Beginnend mit der Gegenwart blickt die 41-jährige Autorin zurück auf die bewegte Vergangenheit dieses Randzipfels von Europa. Von Teneriffa aus plante Franco einst seinen Putsch gegen die spanische Republik. In rückwärtiger Reihenfolge erzählt Mahlke die Geschichten dreier Familien, von Großbürgertum bis Haushaltshilfe. In dieses Sittengemälde des privaten Lebens mit Ehebruch und Eltern-Kind-Zwist bricht immer wieder das Weltgeschehen ein.

Zuletzt wurden mit dem Europaroman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse und der Flüchtlingsnovelle „Widerfahrnis“ Werke mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, die sich eng an den Zeitläuften bewegen. Diese Tradition setzt die Jury nun fort. Der Blick in die Vergangenheit dient bei Mahlke zur Standortbestimmung in der Gegenwart. Sie wirft ein anderes Licht auf die bekannte Urlaubsinsel, bei ihr wird Teneriffa zum Kristallisationspunkt europäischer Geschichte.

Der beste Roman des Jahres

„Archipel“ ist bereits der zweite Anlauf von Inger-Maria Mahlke auf den Deutschen Buchpreis. Schon mit dem Vorgänger „Wie Ihr wollt“ stand die Autorin 2015 auf der Shortlist. Die studierte Rechtswissenschaftlerin, die am Lehrstuhl für Kriminologie in Berlin arbeitete, debütierte als Autorin 2010 mit „Silberfischchen“. Für einen Auszug aus „Rechnung offen“ (2013), in dem eine alleinerziehende Mutter zur Domina wird, erhielt sie beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2012 einen Nebenpreis. Auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte es 2015 ihr historischer Roman „Wie ihr wollt“.

Seit 2005 wird der Deutsche Buchpreis vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels vergeben. Er will den besten Roman des Jahres in deutscher Sprache küren. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz dürfen Titel einreichen. Eine siebenköpfige Jury, deren Besetzung jährlich wechselt, wählt zunächst 20 Titel für die Longlist aus. Später wird die Auswahl auf eine Shortlist von sechs Titeln verkürzt. Der Gewinner erhält 25 000 Euro, die anderen fünf Finalisten bekommen jeweils 2500 Euro.

Inger-Maria Mahlke liest am Montag, 22. Oktober, um 20 Uhr aus ihrem preisgekrönten Roman „Archipel“ in Lübeck in der Buchhandlung Hugendubel, Königstraße 67 a.

In der Jurybegründung hieß es: „Am äußersten Rand Europas verdichtet sich die Kolonialzeit.“ Die Autorin zeige, wie die Geschichte Spuren in unterschiedlichen sozialen Schichten hinterlasse, sie beschreibe prägnant die beschädigte Landschaft und mache auch das Licht auf der Insel sinnlich erfahrbar.

Mahlke war 2015 mit ihrem Tudor-Roman „Wie ihr wollt“ schon einmal auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet. Die Preisverleihung gestern nutzte sie, um ihrer ehemaligen Verlegerin Barbara Laugwitz zu danken, um deren plötzliche Absetzung als Rowohlt-Chefin derzeit erbittert gestritten wird. Mahlke sagte: „Ich danke ihr für die Jahre harter Arbeit, ihre Begeisterung für Literatur. Sie war sich immer bewusst, dass ein Autorenleben und künstlerische Produktion sehr fragile Dinge sind.“

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199 Romane hatte die siebenköpfige Jury zuvor gelesen. Erstmals dominierten die weiblichen Stimmen sowohl auf der Long- als auch auf der Shortlist, auf der sich vier Schriftstellerinnen und zwei Schriftsteller fanden. Auch inhaltlich ergab sich eine Tendenz. Die Journalistin und Moderatorin Cécile Schortmann fasste am Montagabend zusammen: „Viele Autoren blicken in diesem Bücherherbst zurück auf die Vergangenheit. Die Selbstvergewisserung findet in Form von breit angelegten Familiengeschichten statt, an die Stelle von Einzelkämpfern treten Netzwerke von Figuren.“

Die Autoren der Shortlist erzählen von Krieg („Die Katze und der General“ von Nino Haratischwili) und Verrat in der eigenen Familie („Acht Koffer“ von Maxim Biller) und entwerfen in der Mehrzahl Dystopien. Die Geschichten spielen in Prag, in Argentinien („Nachtleuchten“ von María Cecilia Barbetta), an einem mythischen Ort in Afrika („Der Vogelgott“ von Susanne Röckel), in China („Gott der Barbaren“ von Stephan Thome). Die Auswahl lässt sich so auch als Statement gegen die nationalistischen Tendenzen der Gegenwart verstehen.

Inger-Maria Mahlke im Interview

Frau Mahlke, spielten in Ihrem Teneriffa-Leben Familienclans eine ähnlich große Rolle wie in Ihrem Roman?

Die Familie spielt dort eine wichtige Rolle, das ist richtig. Es ist in meinem Fall nur nicht mehr so viel Clan übrig.

Sie erzählen eine große Familiengeschichte, indem Sie von der Gegenwart zu den Anfängen des 20. Jahrhunderts zurückgehen. Weshalb wählten Sie diese Dramaturgie?

Weil ich Erinnerung und Gedenken, der nachträglichen Konstruktion von Vergangenheit auf Makro- wie auf Mikroebene, misstraue. Wir neigen dazu, sowohl in der Geschichte als auch in unseren Biografien, Ereignisse, unsere Einstellung zu ihnen so umzudeuten, dass sie mit unserem jetzigen Selbst- oder Geschichtsbild stimmig sind.

Was bedeutet Ihnen der Preis?

Ich hielt das vorher für unwahrscheinlich. Für die Romane ist das ein großes Glück, weil sie viel stärker wahrgenommen werden.

Man liest jetzt oft, dass Sie in Ihren Romanen den Erzählkreis immer weiter geöffnet hätten: von der Gentrifizierung Ihres Berliner Viertels über weibliche Selbstbehauptung in der Tudorzeit hin zu einem großen Jahrhundertepos.

Es ist immer noch ein Tasten nach dem, was geht. Der erste Roman bestand aus zwei Personen, einer Wohnung, einer Woche, weil diese enge, kleine Anlage mir noch kontrollierbar erschien. Mit jedem Buch lerne ich etwas dazu.

Sie gehören zu den Unterzeichnern eines Offenen Briefes gegen die Absetzung der Rowohlt-Verlegerin und haben sich jetzt bei der Preisverleihung bei ihr bedankt. Wie haben Sie die Zusammenarbeit mit ihr erlebt?
 

Sehr positiv, den Autoren sehr zugewandt, den Mitarbeitern sehr zugewandt, mit authentischer Begeisterung für Literatur, immer von dem Bewusstsein getrieben, dass Bücher ein andereres Produkt sind als zum Beispiel Autos, und daher auch andere produziert und einem Markt zugeführt werden müssen.

Somit steht die Buchpreisverleihung symbolisch als Auftakt für eine Frankfurter Buchmesse, die am Dienstagabend eröffnet wird und sich etwa mit der Kampagne #onthesamepage für Menschenrechte einsetzt, dessen Erklärung in diesem Jahr 70 Jahre alt wird – wie auch die Messe selbst. Parallel zu den Autoren der Shortlist will sich die Buchbranche bei der größten literarischen Fachmesse selbstvergewissern und sich nach den Krawallen rund um rechte Verlage im Vorjahr auf gemeinsame Werte rückbesinnen. Dafür steht etwa die programmatische Eröffnungsveranstaltung des neuen Frankfurt Pavillon mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier am Mittwochabend mit dem Titel „Vom Dafürhalten. Wie wir die Freiheit in stürmischen Zeiten verteidigen“.

Nina May

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