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„Deutschland, du wirst mich nicht los“

Berlin „Deutschland, du wirst mich nicht los“

Istanbul und zurück: Hatice Akyün hat ein kurzweiliges Buch über eine ernste Suche nach ihrer Heimat geschrieben.

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Kam sich in Istanbul sehr deutsch vor: Hatice Akyün.

Quelle: Foto: Oliver Mark

Berlin. Hatice Akyün kommt grundsätzlich zehn Minuten zu früh. In Istanbul kommen alle grundsätzlich eine halbe Stunde zu spät. Allein deswegen funktionierte es nicht zwischen der Berliner Kolumnistin und der türkischen Metropole. Akyün hat Istanbul eine Chance gegeben, nun ist sie wieder zurück. Sie hat ihre Heimat gesucht und gefunden — und ein Buch darüber geschrieben. „Ich küss dich, Kismet!“ heißt es, wichtiger aber ist der Untertitel: „Eine Deutsche am Bosporus“. Das ist zugleich das Fazit: Akyün ist als Türkin gegangen und als Deutsche zurückgekehrt.

Das Türkische hat ihr Thilo Sarrazin aufgedrängt, den Akyün in ihrem Buch nur den „Ex-Senator“ nennt. Die 44-Jährige hat als Society-Reporterin angefangen, sie kann lange und leicht über Schuhe schreiben und verliert diese Leichtigkeit üblicherweise auch bei Integrationsdebatten nicht. Der Ex-Senator aber hat ihr den Humor genommen. Vorbei war es mit dem „Integrationswunder“, wie Akyün sich selbstironisch nennt, es folgte die trotzige Abgrenzung. „Ich wurde immer türkischer“ , beschreibt sie diese Zeit vor zwei Jahren. „Ich muss ganz schnell weg hier“, sagte sie damals in einem Interview. „Ich möchte nicht, dass meine Tochter irgendwann aus der Schule nach Hause kommt und erzählt: Mama, die sagen, ich bin dumm, weil ich Türkin bin.“

Akyüns Tochter Johanna ist sechs Jahre alt und gerade eingeschult worden, die Mutter ist alleinerziehend, „unbemannt wie eine Marssonde“, nennt sie sich im Buch. Als sie nach Istanbul aufbricht, kommt die Tochter zu den Ex-Schwiegereltern. Der türkische Taxifahrer fragt sie auf dem Weg zum Flughafen: „Geht es in die Heimat?`“ — „Ja.“ — „Und für wie lange?“ — „Für immer.“ Sie macht den Aufbruch wahr, von der die Generation ihrer Eltern immer nur gesprochen hat, das ewige „nächstes Jahr gehen wir zurück“. „Für die geplante Rückkehr in die Türkei hatte meine Mutter einen zweiten Hausrat angelegt“, erinnert sich Akyün.

Hatice Akyüns Heimat liegt in Akpinar, dem kleinen anatolischen Dorf, aus dem ihre Eltern 1972 Richtung Ruhrgebiet aufbrachen. Ihr Vater arbeitete in Duisburg als Bergmann, die Familie wuchs, die Mutter achtete auf die Bildung ihrer Kinder, besonders der Töchter. Akyün hat ihre Familie in ihrem ersten Buch „Einmal Hans mit scharfer Soße“ beschrieben. Es wurde ein Bestseller, gerade ist die Verfilmung abgedreht, im Frühjahr könnte sie in die Kinos kommen.

In Istanbul trifft Akyün auf ihre Schwester Fatma, die sie erst einmal zur Zwangs-Wellness mit Locken wickeln und Augenbrauen zupfen verdonnert. „So kannst du hier nicht auf die Straße“, wirft sie ihrer deutschen Schwester an den Kopf. In Berlin fährt Akyün Fahrrad und U-Bahn, trägt Brille und Zopf — in Istanbul muss auf schwesterlichen Rat aus der Alltags-Deutschen eine Glamour-Türkin werden.

Und an Radfahren ist im dauernden Verkehrsinfarkt am Bosporus auch nicht zu denken. „In meinem ganzen Leben hatte ich nicht so viele Wutanfälle wie im Stau in Istanbul“, erzählt Akyün, „und meine Schwester sagte dann nur: ,Sie hat wieder ihre deutsche Phase.‘“

Die deutsche Phase aber ging nicht vorbei — wie bei vielen der Rückkehrer-Auswanderer. Tausende hochqualifizierte Deutschtürken haben in den vergangenen Jahren Jobs im Boomland am Bosporus gefunden.

Nicht wenige seien frustriert, berichtet Akyün. „Das ganze Leben ist dort so zeitraubend unökonomisch“, zwischen Meetings, Kaffeetrinken und Zuspätkommen gehe alles für ihren Geschmack zu zäh. „Und natürlich gibt es kein ordentliches Vollkornbrot.“

Doch bis die Auswanderin zurückkehrte, dauerte es noch ein paar Monate. Erst kam Tochter Johanna mit nach Istanbul, glaubte ihrer Mutter aber eigentlich nie, dass sie etwas anderes als Ferien dort machten. „Sie wird diese Zerrissenheit zwischen Deutschland und der Türkei nie haben“, sagt Hatice Akyün, „für sie ist die Türkei ein Urlaubsland“.

Ins Dorf ihrer Großeltern, eine zehnstündige Busfahrt entfernt, kam Johanna dann auch nicht mit. Für Hatice Akyün aber war der Besuch in Akpinar Köyü der emotionalste Moment ihrer Monate als Auswanderin: „Ich stand auf dem Friedhof, und die Hälfte der Grabsteine trug den Mädchennamen meiner Mutter.“ Hier war Heimat. Nicht die Hochöfen von Duisburg oder die Autobahnen im Ruhrgebiet, die sie bisher als Heimatbilder abgespeichert hatte. Doch das „Hier komme ich her“, trägt auch das „Hier will ich nicht wieder hin“ in sich. Mit dieser Erkenntnis besteigt Hatice Akyün das Flugzeug zurück nach Berlin-Tegel. „Deutschland, du wirst mich nicht los“, ist ihr Fazit. Auch wegen des Vollkornbrots. Aber nicht nur.

Die Türkei aber wird Akyün ebenso wenig los. Die Proteste in Istanbul begannen zwar erst nach ihrer Rückkehr, doch viele ihrer Freunde gingen dort auf die Straße. „Ich fühlte mich ihnen so verbunden und so stolz“, schwärmt sie. Die Politik Erdogans, sein Verständnis von Demokratie, lehnt sie vehement ab — und ist darin wieder sehr deutsch: „Wenn du gewählt bist, regierst du für alle. Nicht nur für die 50 Prozent, die für dich gestimmt haben.“

„Ich küss dich, Kismet! Eine Deutsche am Bosporus“ von Hatice Akyün, Kiepenheuer & Witsch, 240 Seiten, 14,99 Euro, erscheint am 10. September .

Natürlich gibt es kein ordentliches Vollkornbrot.“

Hatice Akyün vermisste

sogar deutsches Essen.

Jan Sternberg

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