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„Deutschland ist nicht wild“

Lübeck „Deutschland ist nicht wild“

Henning Sußebach ist durch Deutschland gewandert – (fast) ohne auf Beton oder Asphalt zu treten. Jetzt hat er ein Buch über das Abenteuer geschrieben.

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Reporter unterwegs: So hat Henning Sußebach seine Deutschland-Tour mit Selfies dokumentiert. Nur auf der Zugspitze wurde er fotografiert.

Quelle: Foto: Rowohlt

Lübeck. Da hatten Sie sich ja einiges vorgenommen: Einmal von der Ostsee bis auf die Zugspitze durch Deutschland wandern – ohne dabei Straßen und Asphalt zu betreten. War das nicht ein blöder Plan?

Henning Sußebach: Nö.

Blöd, weil er nicht funktioniert hat – und auch nicht funktionieren konnte.

Er hat insofern nicht funktioniert, weil ich hin und wieder Asphalt betreten musste, um eine Straße zu überqueren. Immer dort, wo sich keine Unterführung fand. Aber ein blöder Plan war das nicht. Wir sind ja alle immer linear unterwegs: auf dem schnellstmöglichen Weg von einem Punkt zum anderen. Sich quer zu den Wegen zu bewegen, die man sonst immer nur längs nutzt, ist eine grundlegend neue Erfahrung. Hätte ich mich wie gewöhnlich durchs Land bewegt, hätte ich Gewöhnliches erlebt.

Es hat aber auch etwas Kindliches. Wie nicht auf die Fugen zwischen den Steinen zu treten.

Das wäre ja zwanghaft. Ich würde es eher wie Pippi Langstrumpfs Spiel „Nicht den Boden berühren“ sehen: Plötzlich sieht man die Welt aus einer anderen Perspektive. Wir sind doch alle auf erstaunlich engem Raum unterwegs: in Autos auf Straßen, in Zügen auf Schienen. Und wir können im Sitzen schneller vorankommen als beim Gehen. Wer geht, verlangsamt alles. Ich wollte wissen: Was erlebe ich, wenn ich mich auf diese altertümliche Art durch die Welt bewege?

Sie haben sich jenseits von Straßen bewegt, aber die Wildnis haben Sie doch nicht gefunden.

Stimmt. Deutschland ist nicht wild. Wo es nicht asphaltiert ist, ist das Land fast bis auf den letzten Quadratmeter landwirtschaftlich genutzt. Ich hatte tatsächlich mit mehr Wildnis gerechnet. Das hatten mich auch die Werbekampagnen der Outdoor-Ausrüster, bei denen ich vorher einkaufen war, glauben lassen.

Sie haben es sich schwer gemacht, aber Sie hätten es sich auf Ihrer Wanderung durch Deutschland auch noch schwerer machen können. Vor einigen Jahren ist Ludger Bücker mit einer Waschmaschine 1200 Kilometer durch Deutschland gelaufen und hat ein Buch darüber geschrieben.

Ich glaube, ich muss ein Missverständnis aufklären: Mir ging es nicht darum, etwas Rekordverdächtiges zu leisten oder als Performance-Künstler wahrgenommen zu werden. Ich wollte mein Land aus einer anderen Warte wahrnehmen. Ich habe versucht, jede Auffälligkeit zu vermeiden. Als Reporter ziehe ich es vor, eher still und unauffällig in eine Szene zu kommen. In den Gesprächen sollte es nicht um Waschmaschinen und um mich gehen, sondern um die Menschen, die ich getroffen habe.

Sie sind nicht der Einzige, der durch Deutschland geht und darüber berichtet. Vor mehr als 30 Jahren ist Michael Holzach ohne Geld durch Deutschland gewandert und hat ein Buch darüber geschrieben.

Der Markt der Deutschlandreportagen ist seitdem stetig gewachsen.

Ich denke nicht in Märkten, aber es ist für mich eine große Ehre, in einem Atemzug mit Michael Holzach genannt zu werden. Ich behaupte: Durch meine Art der Fortbewegung, am Rande, bin ich Randfiguren begegnet, denen wir im Alltag nie begegnen.

Mich hat die Stelle in Ihrem Buch besonders berührt, in der Sie von den Holzkreuzen schreiben, die verwittert an den Straßengräben stehen und an verunglückte Kinder erinnern. Was war für Sie die berührendste Erfahrung bei Ihrer Wanderung?

Die Kreuze waren für mich auch sehr berührend. Ich stand am Kreuz einer 17-Jährigen, auf dem vermerkt war, dass dieses Mädchen nur Beifahrerin war. Dieses Kreuz war schon alt und doch sehr gepflegt.

Da konnte man sehen, wie lange Schmerz anhält. An Straßenrändern findet man übrigens unglaublich viel, was von uns Menschen erzählt – Hinterlassenschaften, die man nicht bemerkt, wenn man mit 100 Kilometern in der Stunde daran vorbeifährt. Das sind die Kreuze, tote Tiere, Morgenmüll wie Kaffeebecher, Abendmüll wie Schnapsflaschen, kleine Altäre, Liebesbeweise in Baumrinden, uralte Wegzeichen und Pilgersymbole. Für den Autofahrer wischt das alles so vorbei, für den Wanderer liegt alle 500 Meter ein neuer Gedanke bereit.

Hat sich durch Ihre Deutschlandwanderung für Sie als Journalist und Reporter etwas merklich geändert?

Ja. Wir Journalisten sind ja meistens Großstädter – und Akademiker dazu. Und als Städter verliert man leicht den Blick für die Menschen auf dem Land. Man macht sich lustig über Leute, die Autos fahren, auf denen Aufkleber mit einem falschen Apostroph kleben. Es gibt wenig Wertschätzung für die Provinz und die Menschen dort. Dabei haben Entscheidungen, die wir in den Städten fällen, auf dem Land oft die größeren Folgen, egal ob wir die Energiewende, den Klimawandel oder sogar den Krim-Krieg nehmen. Darf ich nur ein Beispiel nennen?

Bitte!

Auf meiner Wanderung habe ich einen jungen Schlachter kennengelernt, der seit den Sanktionen gegen Russland kaum noch Arbeit hat. Er sagte, er hätte eigentlich nur noch die Wahl zwischen den Linken und der AfD, den einzigen Parteien, die gegen die Sanktionen seien. Er bringe es aber nicht über sich, weil er ein Demokrat sei. Was für ein Held! Gegen seine eigenen Interessen zu wählen – das geht in der Stadt kaum: Da bleibt Politik oft nur Stoff für eine Kneipendiskussion. Auf meiner Wanderung habe ich Menschen kennengelernt, denen es anders geht.

Preisgekrönter Journalist

Henning Sußebach, geboren im Jahr 1972 in Bochum, ist seit 2001 Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. Seine Reportagen wurden unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch- und dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet.

In „Deutschland ab vom Wege“ (Rowohlt Verlag, 192 Seiten. 19,95 Euro) beschreibt er eine Wanderung durch Deutschland jenseits der 6,2 Prozent des Landes, die asphaltiert und betoniert sind. Er durchmisst im Spätsommer 2016 in genau 50 Tagen das Hinterland, vom Darßer Leuchtturm bis auf den Gipfel der Zugspitze. Und er trifft auf Menschen, denen er beruflich nicht begegnet: Maisbauern und Hippies, AfD-Wählern und Schlachtern. Sußebachs Erkenntnis: Die gesellschaftliche Spaltung verläuft nicht allein zwischen Armen und Reichen, sondern vor allem zwischen Stadt und Land.

Lesung: „Deutschland ab vom Wege“, Sonnabend,

2. September um 18 Uhr in Hamburg bei „Bücher & Co“, Winterhuder Marktplatz 6-7.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

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