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Kultur im Norden Die Ästhetik des Widerstands
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18:12 02.05.2016

Lübeck. Zwölf Meter hoch war der Turm, ein Gebäude aus alten chinesischen Türen und Fenstern. Aber die Natur hatte andere Pläne. Es zog ein Unwetter auf über Kassel und machte aus Ai Weiweis (58) großem Documenta-Beitrag einen großen Trümmerhaufen. Da hätte er jetzt klagen können, der Baumeister, aber ihm war nicht danach. Er besah sich die Sache, gab sich geschlagen und sagte: „Das ist besser als vorher. Jetzt wird die Kraft der Natur sichtbar. Der Preis hat sich soeben verdoppelt.“

Beweglichkeit ist vielleicht nicht die unwichtigste Eigenschaft, die man braucht als Künstler in China. Als Künstler zumal, der seine Arbeit immer auch als Kommentar zur Zeit versteht, als Kritik.

Und Kritik kann eine gefährliche Sache sein in einem Land, wo die Partei immer noch Recht hat.

Ai Weiwei kann das aus eigener Anschauung bestätigen. Man hat ihn monatelang in Einzelhaft eingesperrt, man verhängte Hausarrest, behielt seinen Pass ein und ließ ihn nicht reisen. Er wurde beschuldigt und schikaniert, er musste sein Atelier räumen, seine Familie litt, und überhaupt ließ der chinesische Staat wenig Gelegenheiten aus, einen seiner bekanntesten Kritiker zu drangsalieren.

Wobei sich die Bekanntheit auf das Ausland bezieht. In China ist sein Name nicht eben geläufig, was natürlich seine Gründe hat. Wen die Zensur nicht in den Medien auftauchen lässt, der findet nur einen eingeschränkten Platz im öffentlichen Bewusstsein. Jenseits der Grenzen aber und vor allem im Westen gilt Ai Weiwei neben dem Schriftsteller und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo als eines der Gesichter der chinesischen Opposition.

Aber das Widerständige war Ai Weiwei schon in die Wiege gelegt. Er ist der Sohn von Ai Qing, einem bekannten Dichter, der Ende der Fünfzigerjahre unter Mao für 17 Jahre in die Verbannung geschickt und später rehabilitiert wurde. „Er durfte wieder schreiben, doch die Staatsregierung hielt sich nicht lange mit Entschuldigungen auf: Die Verbannung und Ächtung seien Fehler gewesen“, erklärte sein Sohn später. „So sorry. Mehr nicht.“ „So sorry“ war denn auch der Name einer Ausstellung, die Ai Weiwei 2009 in München hatte.

Überhaupt wollte sich der Sohn des Dichters nicht zufriedengeben mit den Dingen, wie sie sind. Er meldete sich zu Wort gegen Umweltzerstörung, Vertuschung und Korruption, er pochte auf seine Rechte und auf die anderer. Einmal hat er gar eine Klage gegen das Ministerium für Bürgerangelegenheiten angestrengt, weil er fand, es habe nicht wie gesetzlich vorgeschrieben Auskunft gegeben. Und wenn ein Mann mit dieser Lebens- und Leidensgeschichte sich künstlerisch mit der Pressefreiheit auseinandersetzt (siehe Bild links), dann geschieht das mit allem Recht und aller Legitimation.

Aber es gibt auch Stimmen, die eine Überdosis Ai Weiwei beklagen. Die es geschmacklos bis anmaßend finden, wenn er sich am Strand liegend fotografieren lässt wie der kleine syrische Flüchtlingsjunge Aylan Kurdi, der tot an die türkische Küste gespült wurde. Die den Wert seiner Arbeit in Zweifel ziehen und in ihm mehr einen Aktivisten sehen als einen Künstler. Die „Welt“ erkannte in ihm gar „eine politische Version des Eisbären Knut“, der mit den „Kultur-Boys“ Selfies für Facebook mache. Er habe zuletzt Altersmilde und Verständnis für den chinesischen Staat gezeigt, sein Geschäftsmodell aber beruhe auf seiner Glaubwürdigkeit als „staatlich geprüfter Dissident“. Und wenn die Schaden nehme, dann auch seine Ästhetik.

Derzeit lebt Ai Weiwei in Berlin, wo auch sein siebenjähriger Sohn aus einer früheren Beziehung zu Hause ist. An der Universität der Künste hat er für drei Jahre die Einstein-Gastprofessur übernommen.

Von Peter Intelmann

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