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Die Affen, die nach Sonne klingen

Lübeck Die Affen, die nach Sonne klingen

Mit „Good Times!“ haben die Monkees ein Jubiläumsalbum eingespielt, das mehr ist als Pflichtprogramm.

Lübeck. Eine der verlässlichsten Regeln im Pop heißt: Sie kommen alle wieder, man muss nur lange genug warten. Jetzt sind also auch die Monkees zurück. Ein neues Album liegt zum 50. Geburtstag der 1966 aus der Taufe gehobenen US-Band vor. Es heißt „Good Times!“, ein Titel, der das Image der Band spiegelt. Die Monkees waren ein Gutelaunequartett für das gute Image der als Jugendverderber geziehenen Popmusik. Fünf Jahre später, 1971, hingen sie die Gitarren schon wieder an den Nagel. Da war die Hälfte der Originalbesetzung weg, und die Fans hatten sich abgewandt.

Sie waren lustig gewesen, die Monkees, eine Popband mit eigener Sitcom. Die Show „The Monkees“ mit den vier Musikern in den Hauptrollen lief in Deutschland im Nachmittagsprogramm am Sonnabend. Ihr Erkennungslied hieß „Hey, hey, we’re the Monkees“, und was sie der Elterngeneration vermittelten, war „Hey, hey, Pop ist nett und macht eure Kinder überhaupt nicht zu sexbesessenen Drogensüchtigen, wie immer behauptet wird“. Im Refrain hieß es weiter: „Wir sind viel zu sehr mit dem Singen beschäftigt, um irgendjemanden runterzuziehen.“ Die falsche Schreibweise des Wortes „monkeys“ (Affen) war eine Verbeugung vor den englischen Beatles, deren Name sich wiederum aus „beat“ (Schlag, Musikstil) und „beetles“ (Käfer) zusammensetzte.

Ihre Liedzeilen waren freilich eine nicht ganz wahrheitsgetreue Entwarnung in einer Zeit, als nahezu alle relevanten Bands auf der Suche nach dem perfekten Song mit bewusstseinserweiternden Substanzen experimentierten und Rock zur Musik der Revolution wurde. Die braven Monkees waren 1966 in Sachen Haarlänge und Musik auch erst ungefähr da, wo die mit ihnen stets verglichenen Beatles zwei Jahre zuvor mit „A Hard Day’s Night“ gestanden hatten. Also sehr weit hinten. Und was sie den Zuschauern per Slapstick vermittelten, war, dass Popmusiker Tollpatsche und Schwachköpfe sind.

Während in anderen Bands Gitarren aufschrien und Mellotrone ihren psychedelischen Traumtaumelklang anhoben, sangen die fröhlichen Monkees: „Then I saw her face, now I’m a believer“. Ein (wunderschöner) Liebesbeat aus der Feder von Neil Diamond.

Ihr Pech war, dass sie für eine Serie gecastet worden waren. Die „Band per Anzeige“ wurde fortan notorisch unterschätzt, von der seriösen Musikkritik geschmäht oder für zu leicht befunden. Aus knapp 450 Bewerbern waren David „Davy“ Jones (Gitarre, Gesang), Michael Nesmith (Gitarre, Gesang), Peter Tork (Bass, Gesang) und Mickey Dolenz (Schlagzeug, Gesang) ausgewählt worden. Jones und Dolenz hatten bereits Erfahrungen als Schauspieler.

Außer Jones, der 2012 an einem Herzinfarkt starb, leben heute alle noch. Und selbst Jones ist auf „Good Times!“ zu hören mit dem potetiellen Diamond-Hit „Love to Love“. Längst ist die Aversion gegen die „künstliche Popgruppe“ überwunden, Michael Nesmith war schließlich einer der Gründer des Musiksenders MTV, die Band hat längst ihren amtlichen Stern auf dem Hollywood Walk of Fame.

Auf dem neuen Album helfen auch Leute mit, die viel zu cool wären, einer uncoolen Band beizustehen. Als da wären Paul Weller, einst Kopf von The Jam und The Style Council und sein Protegé Noel Gallagher, Hauptsongschreiber und Gitarrist der ebenfalls so langsam reunionbedürftigen Oasis, dazu XTC-Frontmann Andy Partridge und Weezer-Chef Rivers Cuomo. All diese Leute stürzen mit dem Originaltrio in die Zeitmaschine der Musik und lassen Lieder wie das beatlige „Our own World“ (vom Fountains-of-Wayne-Bassisten Adam Schlesinger, der das Album auch produziert hat) oder das folkige „Me & Magdalena“ (von Death Cab for Cutie-Sänger Ben Gibbard) hören. „Neo-Sixties“ nennt Peter Tork den Sound, und tatsächlich mutet die ganze Platte an, als sei das führende Jahrzehnt der Pop- und Rockmusik bis heute nicht zu Ende gegangen.

Einige der Lieder stammen auch aus jenen Tagen, Carole Kings „Wasn’t Born to Follow“ etwa hatten 1968 schon die Byrds (noch so ein verfremdeter Tiername) aufgenommen – bei den Monkees dominiert ein Banjoplinkern. Und den Titelsong hatte der 1994 verstorbene Harry Nilsson ebenfalls 1968 für die Monkees geschrieben und 1971 selbst eingespielt. Hier wird ein postumes Nilsson-Duett mit Nicky Dolenz daraus, der jetzt selbst 71 ist und bei Rivers Cuomos „She Makes Me Laugh“ klingt wie Kaliforniens Sonne klingen würde, wenn sie denn singen könnte.

Schelmisch nennt der amerikanische „Rolling Stone“ die Platte das beste Monkees-Werk seit den Sechzigerjahren. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Das neue Album „Good Times!“ erscheint morgen (Rhino/Warner).

Matthias Halbig

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