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Die Band ist gut, das Bier ist billig

Hamburg Die Band ist gut, das Bier ist billig

Das Quartett AnnenMayKantereit ist die Stimme einer Generation. Beim Konzert in Hamburg erweisen sich die vier Musiker als sehr vernünftige Truppe.

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Sehr jung, sehr entspannt und erfolgreich (v.l.): Christopher Annen, Malte Huck, Severin Kantereit und Henning May.

Quelle: Fotos: Lukas Schulze/dpa

Hamburg. . Wenn man die Augen schließt, meint man, die Stimme eines Altrockers zu hören. Wenn man sie öffnet, sieht man auf der Bühne den jungen Henning May: Anfang 20, etwas schlaksig und nach den Songs verlegen lächelnd.

LN-Bild

Das Quartett AnnenMayKantereit ist die Stimme einer Generation. Beim Konzert in Hamburg erweisen sich die vier Musiker als sehr vernünftige Truppe.

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Wie der Schlagzeuger Severin Kantereit, der Gitarrist Christopher Annen und der Bassist Malte Huck trägt May Jeans und T-Shirt, die Jungs wirken so, als kämen sie gerade von einer Jam-Session in ihrem Wohnzimmer. Entspannte Stimmung herrscht beim Konzert der jungen Band, die sich schlicht AnnenMayKantereit nennt, in der ausverkaufen Großen Freiheit 36 auf St.

Pauli: Wohlfühlatmosphäre, aber kein weich gespülter Kuschelpop ist da zu hören.

Die pointierten Texte des ersten Studioalbums „Alles Nix Konkretes“ und der EP „Wird schon gehen“ treffen das Lebensgefühl des Publikums. Wie die Band sind die meisten Zuhörer in ihren Zwanzigern. Es geht um Wohngemeinschaftsmitbewohner, ums Verlieben und Vermissen.

Die Texte sind dabei überraschend banal und auch vernünftig: „Ich will nicht jeden Morgen aufs Neue die letzte Nacht bereuen“, „Ich würde gerne mit dir in ‘ner Altbauwohnung wohnen“ oder sogar: „Wir brauchen mehr Blumen auf unserm Balkon.“ Mit der Stimme von Henning May kann man offenbar über alles und jeden singen: über halbaufgebrauchte Hygieneartikel und den Inhalt der WG-Tiefkühltruhe, über ein rauchendes Krokodil, das für ihren Tour-Alltag steht, oder ganz einfach über „Mädchen“ — so werden junge Frauen von dieser Spezies junger Männer immer noch genannt.

Nicht nur bei den bekanntesten Liedern „Oft gefragt“ und „Pocahontas“ singt das Publikum textsicher mit. Die Romantik in den Liebesliedern ist herb statt kitschig. Eines dieser „Mädchen“ wird zum Beispiel besungen mit „Ich versteh doch eh nicht was du meinst / Mir wär lieber du weinst.“

Als Henning May allein auf der Bühne die Ballade „Barfuß am Klavier“ spielt, stimmen nicht nur die weiblichen Fans mit ein. May sagt: „Es ist so geil, wenn man vor einem Jahr in seinem Zimmer ein Liebeslied schreibt und jetzt steht da so ein großer bärtiger Mann vor mir und singt mit.“

Zwischen den eigenen Texten gibt es englische Coversongs, in denen sich die Musiker auch solistisch austoben. Zwischendurch wechselt Sänger May an die Melodica oder ans Keyboard, Christopher Annen spielt Mundharmonika und Gitarre. Annen, May und Kantereit sind schon zusammen zur Schule gegangen und haben 2011 am Ende ihrer Oberstufe eine Band gegründet. Der Bassist Malte Huck stieß 2014 dazu.

Die Bühne ist eher spartanisch, nur ein paar Stehlampen bilden die Dekoration: Das Konzert ist nicht auf eine große Show ausgelegt. „Das Einzige, was mich interessiert, wenn ich auf ein Konzert gehe, ist wie gut die Band ist und wie viel das Bier kostet“, sagt May und verdammt all diejenigen, die Konzerte nur mit ihren Smartphones filmen: „Du bist überall nur nicht hier bei mir“, singt er. Danach trauen sich nur noch wenige, ihr Handy herauszuholen. Auch die Diskokugel an der Decke der Großen Freiheit steht still. Das Publikum tanzt auch so zum Rhythmus von AnnenMayKantereit. Obwohl die Lieder sich eher zum Trostspenden als zum Tanzen eignen.

Im Song „21, 22, 23“ wird die Furcht vor dem Erwachsenwerden thematisiert. Wie hat man sich AnnenMayKantereit in zehn Jahren vorzustellen? „Wir werden keine Lehrer sein“, ließen sie kürzlich die LN wissen.

Und du wirst 21, 22, 23,

Und du kannst noch gar nicht wissen, was du willst.

Und du wirst 24, 25, 26,

Und du tanzt

nicht mehr wie früher.

Und du und deine Freunde,

Ihr seid alle am studieren.

Und du wartest drauf,

Dass irgendwas passiert.

Hast du überhaupt ‘ne Ahnung?

Wo du gerade stehst?

Du verschwendest

deine Jugend

Zwischen Kneipen und WGs.

(...)

Und du sagst, das liegt alles nicht an dir

Und bestellst dir

noch ein Bier.

Und wenn ich dich dann frage, was du werden willst,

Dann sagst du immer nur:

,Ich weiß nicht. Hauptsache nicht Mitte 30‘ ...“aus dem Songtext „21, 22, 23“

Von Elisa Miebach

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