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Die Bohrmaschine war wieder dabei

Hamburg Die Bohrmaschine war wieder dabei

Die Einstürzenden Neubauten werden bei ihrem Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie umjubelt. Doch die höllische Raserei von einst haben sie längst in manchmal fast kammermusikalische Momente auslaufen lassen, in ein leichtes, leises Säuseln...

Arbeiter im Weinberg der Elbphilharmonie: Alexander Hacke, Andrew Unruh, Blixa Bargeld, Rudolf Moser, Jochen Arbeit (v.li.), an diesem Abend ergänzt um Felix Gebhard (o. r).

Quelle: Jazzarchiv

Hamburg. Ein paar Töne, dann rollt ein mächtiger Bass durch das hohe Gewölbe. Und wenig später rollt Blixa Bargelds mächtige Stimme hinterher. Er steht im Zentrum dieses Ganzen, mehr denn je. Er ist der Fluchtpunkt, auf den alles zuläuft. Ein Zeremonienmeister, der in dieses elfenbeinfarbene Rund schaut und sich fragen mag, wie weit sie gekommen sind durch all die Jahre, durch all den Lärm, den Rausch und den schönen Wahn.

LN-Bild

Die Einstürzenden Neubauten in der Hamburger Elbphilharmonie umjubelt.

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Bei ihrem ersten Konzert in Hamburg sind die Einstürzenden Neubauten mit einiger Beklemmung auf die Bühne gegangen. In der Markthalle war das, 1980, die Hamburger Punks konnten wenig anfangen mit einer Band aus Berlin. Es flogen Flaschen, es wurde randaliert, die „Radierer“ spielten vor ihnen und wurden von der Bühne getreten. „Es war ein unglaublicher Schock“, sagte Bargeld.

Heute spielen die Neubauten im Großen Saal der Elbphilharmonie. Sie gehören zu den Eröffnungsfeierlichkeiten dieser Klangkathedrale im Hamburger Hafen. Und sie haben wie damals alles dabei: die Bohrmaschine, die Kanister, die Stahlfedern, das Flugzeugtriebwerk, das Metall. Sie könnten, heißt das. Aber der Tod ist schon lange ein gut gekleideter Dandy.

„Greatest Hits“ haben sie ihr Programm genannt. Das ist einigermaßen verwegen für eine Band, die nie so etwas wie einen Hit hatte. Sie spielen dennoch Stücke aus ihrem langen Schaffen, wobei sie die ganz frühen Werke aussparen. „Haus der Lüge“ vom Jahr des Mauerfalls gibt es zwei Tage nach Beginn der Trump-Festspiele ganz, „Sehnsucht“ und „1/2 Mensch“ lassen sie anklingen, das war’s. Ansonsten kümmern sie sich um die jüngeren Jahrgänge.

Die Neubauten hatten ja nie etwas mit Punk gemein, allenfalls die Haltung. Sie waren schon immer eine erstaunliche Avantgarde-Angelegenheit und früh im Feuilleton zu Haus. Sie spielten auf der Biennale in Paris, bei der Documenta und bei Peter Zadek im Hamburger Schauspielhaus. Ihr letztes Studioalbum „Lament“ war eine Auftragsarbeit der belgischen Provinz Flandern zum Beginn des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Und als man im vergangenen Jahr ins Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ging, stand da ihr altes Schrott-Schlagzeug in der Ausstellung.

Die höllische Raserei von einst haben sie längst in manchmal fast kammermusikalische Momente auslaufen lassen, in ein leichtes, leises Säuseln. Sie gehen heute gar noch einen Schritt weiter und spielen eine kleine Weile – gar nichts. Und das in dieser durchgerechneten akustischen Wunderwelt, die Töne braucht, um zu strahlen. Man könnte es Verweigerung nennen oder eine andere Form der Radikalität. „Silence Is Sexy“ heißt das Stück, und bei „How Did I Die“ kommt noch ein Cellist hinzu.

Bargeld ist schon lang nicht mehr der hagere Finsterfürst, gezeichnet von zu wenig Schlaf und zu viel ungesunden Substanzen. Aber er schichtet immer noch seine Textgebirge auf, die sich bisweilen in Wortspielerei verlieren. Andrew Unruh trägt einen Anglerhut und geht hämmernd und klopfend seiner Arbeit nach. Alexander Hacke beugt sich interessiert über seinen Bass, Jochen Arbeit entdeckt ungeheure Töne in seiner Gitarre, und Rudolf Moser hämmert auf Drums, Metall und Rohre aus dem Baumarkt, die, wenn man mehrere verbindet, laut Bargeld „ein schönes A“ ergeben. Überhaupt sei man Anhänger der „historisch-rabiaten Aufführungspraxis“ und spiele auf „historischen Instrumenten“.

Also arbeiten sie sich durch ihre Jahre, zwei Stunden und länger, und kommen zweimal zu mehreren Zugaben auf die Bühne. Es ist ihr zweites Konzert an diesem Tag. Sie haben am späten Nachmittag schon einmal in der Arena der Elbphilharmonie gestanden, weil die Karten für das Konzert am Abend im Nu ausverkauft waren. Sie haben das schon mal gemacht, vor Jahrzehnten in der Hamburger Markthalle, sie kennen also die Distanzen. Und auch jetzt stehen die Leute und jubeln, und die Band nimmt die Huldigungen mit Wohlwollen und gerührt entgegen. „Die neuen Tempel haben schon Risse, künftige Ruinen, einst wächst Gras auch über diese Stadt“, hatte Bargeld zuvor gesungen. Dennoch mussten sich die Hamburger nicht sorgen um ihr schönes neues Konzerthaus. Andererseits, und auch das sang Bargeld:

„Endlich, unendlich, in Ruhe gelassen, aber beweglich, frei zu lärmen, ohne Schuld!“ Sie könnten, aber . . .

37 Jahre Neubauten

Im April 1980 haben die Einstürzenden Neubauten in dem Berliner Club „Moon“ ihr erstes Konzert gegeben. Von der kanonischen Besetzung sind mit Blixa Bargeld, Andrew Unruh und Alexander Hacke noch drei Mitglieder übrig. Für den Schlagwerker F. M. Einheit (heute ein erfolgreicher Theatermusiker) kam Rudolf Moser, für den Bassisten Mark Chung (war danach u. a. im Management von Sony Music Entertainment International tätig) Jochen Arbeit. Alle Musiker sind auch mit Soloprojekten aktiv.

 Peter Intelmann

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