Volltextsuche über das Angebot:

19 ° / 12 ° wolkig

Navigation:
Die Dämonen des Pizza- Services

Die Dämonen des Pizza- Services

Bertram Eisenhauers Problem lässt sich in Zahlen fassen: 185 Kilogramm. Mehr als drei Zentner. Das ist sein Gewicht, und das ist sein Leiden.

Bertram Eisenhauers Problem lässt sich in Zahlen fassen: 185 Kilogramm. Mehr als drei Zentner. Das ist sein Gewicht, und das ist sein Leiden. Jetzt hat er ein Buch darüber geschrieben, eine ebenso ehrliche wie berührende Auseinandersetzung mit sich selbst. Und dass es wunderbar zu lesen ist, liegt nicht nur an Eisenhauers Profession als Redakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Es liegt auch an der schönen Seele, die in diesem ungeheuren Körper wohnt.

Er war nicht immer dick. Es gab eine Zeit während des Studiums, da hat er viel Sport getrieben und sich mit Bedacht ernährt. Schlank war er da, er fühlte sich gut, er nennt es seine „kostbaren Jahre“. Aber dann kamen Umstände hinzu, Stress, eine unglückliche Liebe, er lässt das etwas in der Schwebe. Auf jeden Fall legte er zu an Gewicht und hörte nicht wieder auf.

Er lässt einen teilhaben an dieser Eskalation. Er erzählt von den Mühen jeden Morgen, in die Kleidung und in die Schuhe zu kommen. Von der Hassliebe zu McDonald‘s und den Dämonen des Pizza-Services.

Er berichtet von der Pein in jungen Jahren, mit der Mutter Hosen kaufen zu gehen und dann nur eine Handvoll zu finden, die überhaupt in Frage kamen. Von den abgeschlossenen Türen in jener Zeit, wenn die Eltern aus dem Haus waren und ihn nicht anders vom Kühlschrank und den Süßigkeiten im Wohnzimmerschrank fernzuhalten wussten. Er schildert all diese Niederlagen und Beschwernisse, den Selbstbetrug und die Einsamkeiten. Und er schreibt einen traurigschönen Brief an seinen nicht gezeugten Sohn. Huckleberry hätte er ihn genannt, und er sagt: „Ich habe Dich verpasst.“

Essen ist Eisenhauer Ersatz für vieles, er weiß das, er durchschaut seine Lage sehr genau. Aber er kommt nicht wirklich dagegen an. Und das Jahr in der Abnehmgruppe hilft auch nicht entscheidend weiter. Er kreist um diese Unfähigkeit. Er besieht das Problem immer wieder neu und kommt zu großartigen Beschreibungen. Am Ende aber steht doch wieder gegen Mitternacht ein großer Dönerteller vor ihm, und nur die Niederlage und die Scham scheinen noch größer zu sein. Aber er gibt nicht auf. Und ein wundervoller Vater wäre er allemal. Peter Intelmann

„Weil ich ein Dicker bin“ von Bertram Eisenhauer, C. Bertelsmann, 336 Seiten, 19,99 Euro

LN

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur im Norden