Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Kultur im Norden Die Rettung des Kulturhauses in Mestlin
Nachrichten Kultur Kultur im Norden Die Rettung des Kulturhauses in Mestlin
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 10.03.2019
Schon zu DDR-Zeiten unter Denkmalschutz gestellt: das Kulturhaus in Mestlin. Quelle: John Garve / Agentur 54°
Lübeck

Wer sich von Ruest an Stenzels Landfleischerei vorbei durch weites Land auf Mestlin zubewegt, sieht von fern ein rotes Dach die anderen Dächer überragen. Dann biegt man auf einen großen Platz und steht vor einem gewaltigen Bau. Und vor einem gewaltigen Stück Vergangenheit. Der Bau ist in die Jahre gekommen, natürlich. Aber es ist keine Ruine. Eine Art Auferstehung jedoch ist es schon.

Sie hatten das Kulturhaus etwas kleiner geplant in Mestlin, einem Dorf im Mecklenburgischen östlich von Schwerin. Aber dann ist es doch größer geworden. Jetzt steht es hier, 57 Meter lang, 28 Meter breit, das Echo einer untergegangenen Republik und ein Monument der Beharrlichkeit gleichermaßen. Ein Staatstheater auf dem Land. Und man hat einiges mit ihm vor.

Zwei Preise für die Arbeit des Vereins

Das Kulturhaus Mestlin wurde 1957 nach drei Jahren Bauzeit eröffnet. Der große Saal mit der Bühne misst fast 700 Quadratmeter. 1977 wurde das gesamte Ensemble unter Denkmalschutz gestellt. Der Verein Denkmal Kultur Mestlin hat sich 2008 gegründet und arbeitet mit der Arbeitsgemeinschaft Historische Bauten (Salzgitter) zusammen, die auch schon in Lübeck Erfahrung hat. Die Arbeit des Vereins wurde mit dem Spielstättenpreis der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern und dem Deutschen Preis für Denkmalschutz ausgezeichnet. Info: www.denkmal-kultur-mestlin.de

1957 ist das Haus nach drei Jahren Bauzeit fertig geworden. Es steht in einem sozialistischen Musterdorf, wie man sie in der DDR hundertfach geplant hatte. Mestlin ist aber als einziges Wirklichkeit geworden.

Eine Wirklichkeit, die sich vor allem um den großen Marx-Engels-Platz gruppiert. Das Kulturhaus steht da mit zwei Sälen, Bühne und Orchestergraben. Daneben die Schule mit dem Kindergarten und der Kinderkrippe dahinter. Es gibt andere große Gebäude, in denen sich Läden und ein Lokal mit Hotellerie befanden. Und gegenüber auf der anderen Straßenseite liegt das Landambulatorium. Ärzte gab es da und Physiotherapie, eine Geburtsstation und einen Operationssaal.

Aber das ist lange her. Das Ambulatorium steht heute leer. Aus der Polytechnischen Oberschule mit zehn Klassen ist eine Grundschule mit vier Klassen geworden. Läden und Gasthof sind verschwunden. Von etwa 1400 Menschen zur Wendezeit sind noch gut die Hälfte da. Und das Kulturhaus? Reckt unnachgiebig sein Haupt.

Nur eine Frage der Zeit

Das liegt an Menschen wie Claudia Stauß (43) und Torsten Kort (57), an ihrem Verein Denkmal Kultur Mestlin. Mit etwa einem Dutzend Mitstreiter versuchen sie das Haus zu sanieren und wiederzubeleben. Sie tun das ehrenamtlich und mit Zuversicht. Sie bohren dicke Bretter. Es ist ein Geschäft von einiger Größe. Aber dass es eines Tages fertig sein wird, da haben sie keinen Zweifel. „Ja, sowieso“, sagt Kort. Es sei eben nur eine Frage der Zeit.

Das Kulturhaus war der Versuch, der werktätigen Bevölkerung auf dem Land nicht vorzuenthalten, was in den Städten zu finden war: Theater, Konzert, Literatur, Kunst, Gemeinschaft – Kultur. Die Puhdys haben hier gespielt und Karat. Es gab Tanz, Konferenzen und Ausstellungen. Es wurden Jugendweihe und Betriebsfeste gefeiert, es liefen Filme. Mehr als 50 000 Besucher kamen so übers Jahr, meist in Bussen herangefahren aus der Umgebung.

Nach der Wende lud das Land das Haus der Gemeinde auf. „Die sind erpresst worden“, sagt Claudia Stauß. Und die Gemeinde war froh, als sich irgendwann Discobetreiber meldeten. Aber es ging nicht gut. Der letzte hinterließ bei Nacht und Nebel und wohl auch mit einem alten Bauernschrank im Gepäck verbrannte Erde. Die Zeit ging ins Land, das Gebäude würde bleich und mürbe. Irgendwann regnete es durch bis auf die Bühne. Es war ein großer Jammer.

450 000 Mark für das Dach

Da nahm sich 1997 ein eigens gegründeter Verein seiner an. Er besorgte Geld und ließ kurz nach der Jahrtausendwende das Dach neu decken. Etwa 450 000 Mark hat das gekostet, sagt Torsten Kort, der damals schon dabei war. Aber sie hatten die Betriebskosten mit übernommen – ein Fehler. Jetzt gibt es seit 2008 einen neuen Verein, aber das Ziel ist das gleiche.

Und es ist einiges passiert seither. Die drei großen Türen im Portal sind neu, einige Fenster links und rechts daneben aufgearbeitet worden. Die Terrasse vorm Eingang wurde gerichtet, mit altem Material und denkmalgerecht. Momentan wird an der Terrasse gegenüber gearbeitet. Eine Heizung sorgt für Wärme im kleinen Saal und in renovierten Toiletten. Das Foyer wurde angepackt, die Bühne, die drittgrößte in Mecklenburg hinter Rostock und Schwerin, erhielt neue Technik.

Eine Million Euro haben sie schon verbaut. Jetzt sind sie bei der zweiten. Wenn bei der Terrasse Geld übrig bleibt, könnten noch Treppen und ein paar weitere Fenster aufgearbeitet werden. Und dann machen sie sich daran, das nächste Geld zu beschaffen. Bund und Land haben bisher Sanierungsmittel bereitgestellt, ebenso die EU und Stiftungen wie die Dräger-Stiftung aus Lübeck. Die Gemeinde ist zwar Eigentümer, aber völlig überschuldet.

„Wir kalkulieren nicht“

Vier bis fünf Millionen Euro würde die Sanierung insgesamt kosten, hat ein Architekt geschätzt. Aber das ist neun Jahre her. Und auf eine neue Prognose lassen sich die Aktiven nicht ein. Auch auf keinen Zeitplan. „Wir kalkulieren nicht“, sagt Kort. „Man kann es nicht.“ Sie machen einfach weiter, Schritt für Schritt. Man muss sich Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.

Und es herrscht Betrieb im Kulturhaus, jedenfalls ab und an. Es gibt Ausstellungen und „Rock in den Mai“. Es gibt Jugendtheater und Liederabende. Zu „hinterland“ mit Kunst, Mode, Handwerk und Design kommen an einem Wochenende im November 3000 Besucher. Seit 2014 gastieren die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern im Kulturhaus. Und Grafiken von Armin Mueller-Stahl haben sie hier ebenfalls schon gezeigt.

Es melden sich auch immer wieder Gruppen, die besichtigen wollen, was sich da tut in dem wuchtigen Gebäude. In Mestlin, wo die Kreisstadt Parchim 20 Kilometer entfernt ist und Schwerin 40, wo ringsum leicht welliges Land liegt und sonst nicht viel. Und wo ein paar Mutige sich den Mut nicht lassen.

„Das Interesse ist da“

Sie hätten hier bis zu 10 000 Besucher im Jahr, und das als Ehrenamtler, sagt Claudia Stauß, Bühnenmeisterin von Beruf. „Wir zeigen, dass es möglich ist. Das Interesse ist da.“ Und mit professionellen Kräften müsste es noch ganz anders aussehen. Also arbeiten sie daran, dass der Verein aus der Trägerschaft und das Projekt auf andere Füße kommt. Mit einem Hausmeister vielleicht, mit anderen Hauptamtlichen, mit einer festen Organisationsstruktur. Immer nur von der Sorge um den ländlichen Raum zu reden, das helfe ja nicht. Jetzt müssten auch mal Taten folgen.

Zumal der Bund das ganze Ensemble als Denkmal von nationaler Bedeutung eingestuft hat. Und dem Verein neben dem Spielstättenpreis der Festspiele MV vor zwei Jahren auch der Deutsche Preis für Denkmalschutz verliehen wurde – die höchste Auszeichnung in diesem Bereich. Unter Denkmalschutz steht das Ensemble ohnehin seit 1977, also schon seit DDR-Zeiten.

Und darum geht es: das ganze Ensemble zu erhalten. Gastronomie könnten sie sich vorstellen, ein Café vielleicht auf dem Platz und Gästezimmer im einstigen Ambulatorium. Tourismus sei eine Chance, Tagungen könnten hier stattfinden, Kino, Kunst und Kultur sowieso. Es liefen auch Gespräche, sagt Claudia Stauß. Und sie bekämen gute Signale. „Das Land weiß, wie es um Mestlin steht“, sagt Kort. Aber es sei eben ein hartes Stück Arbeit.

Also spielt am 16. März erst mal Barbara Thalheim mit ihrer Band im kleinen Saal. Und im Mai soll die große Ostterrasse fertig sein. Und dann sehen sie weiter.

Peter Intelmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Was ist Heimat? Darüber haben sich Abiturienten des Katharineums in Lübeck Gedanken gemacht und Filme gedreht, Bilder, Graffiti, Plakate gestaltet. Die sind bis zum 7. Mai im Haus der Kaufmannschaft zu sehen.

10.03.2019

Mit besten Leistungen von Musikern und Darstellern beeindruckte die Inszenierung von „A Quiet Place“ am Theater Lübeck. Regisseurin Effi Méndez am Theater Lübeck einen vorzüglichen Theaterabend beschert, voll Witz und Humor – und mit einem ironischen Blick auf das Genre Oper.

09.03.2019

Mit der Premiere der Komödie „Trennung frei Haus“ holt das Theater Partout ein Stück auf die Bühne, das verspricht, beim Publikum Kult-Status zu gewinnen. Ein unterhaltsames Verwirrspiel ums Schlussmachen in modernen Zeiten.

09.03.2019