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Kultur im Norden Die Entdeckung des Unglücksglücks
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22:15 18.09.2013
Auch mit 86 Jahren noch einer der bedeutendsten Autoren deutscher Sprache: Martin Walsers Schaffenskraft ist ungebrochen. Quelle: Foto: dpa

Bei Martin Walsers bisher letztem Roman „Das dreizehnte Kapitel“ dachte man als Leser, nun habe der alte Mann vom Bodensee endlich die körperliche Liebe ad acta gelegt — Mann und Frau verständigen sich in der vor einem Jahr erschienenen Geschichte nur schriftlich über die Gefühle, die sie füreinander empfinden, eine direkte Konfrontation war nicht vorgesehen. Doch nun kommt es im neuen Roman „Die Inszenierung“ zwischen zwei Walser-Geschöpfen wieder zu Körperkontakt.

Der Mann, Augustus Baum, Theaterregisseur und von einiger Prominenz, hat bei Proben zu Tschechows „Möwe“ einen Zusammenbruch erlitten und liegt nun im Krankenhaus. Die Frau, Nachtschwester dortselbst, ist der Grund, warum Baum über die notwendige Dauer hinaus im Krankenbett bleibt und den sterbenden Schwan simuliert. Es kommt zum Geschlechtsverkehr. Ute-Marie, jene Nachtschwester, die natürlich wesentlich jünger ist als der jenseits der 50 zu taxierende Theatermann, ist nicht die einzige Frau, die dem Augustus Baum an die Wurzel will. Da ist noch die Ehefrau, die ihn täglich besucht. Und die Assistentin, mit deren Hilfe er seine Theaterinszenierung weitertreibt, Schauspieler lenkt oder feuern lässt. Beide lieben ihn, er hängt an seiner Gattin.

Die vertrackte Liebe zwischen Mann und Frau war schon immer das Hauptthema Walsers. Vom politischen Autor Walser gibt es direkte gesellschaftliche Interventionen nur in gelegentlichen Essays („Deutsche Sorgen“). Allerdings hat er in seinen Romanen, vom Wirtschaftswunder-Epos „Ehen in Philippsburg“ (1955) bis zum neuen Buch, eine „Chronik der Empfindungsgeschichte der Bundesrepublik“

geschaffen, wie Walsers Biograf Jörg Magenau schrieb.

Die Konfrontation mit der Realität findet in „Die Inszenierung“ ausschließlich im Innenleben der Personen statt. Baum leidet an einer „Immunschwäche der Seele“, der Liebe, und am zivilisatorischen Überbau, dem „Joch, das Treue heißt“. Die Frauen beschuldigt er: „Ihr könnt nur lieben, wo ihr herrscht.“

„Die Inszenierung“ ist eigentlich ein Theaterstück. Walser erzählt in Dialogen und Regieanweisungen, das verschafft dem Autor, anders als in den vorigen Büchern, Abstand zu seiner Hauptperson. Da schreibt Platon mit, von dem Walser den Imperativ „Direkte Rede! Rede und Widerrede! Spruch und Widerspruch!“ bezieht. Es gelte, nicht über jemanden zu schreiben, sondern mit der jeweiligen Person.

Die geschliffene Rede ist Baums Viagra. Er kann sich aufgeilen an seinen Sätzen: „Was für ein Wörterjahrmarkt!“ Da ist nun Walser ganz bei seiner Figur, denn er, der Schriftsteller, ist auch hier wieder ein virtuoser Sprachkünstler, der, um die gesamte Freud‘sche Traumdeutung zu vernichten, nur einen Satz braucht: „Unsere Träume wurden von einer sich wissenschaftlich gebärdenden Unterstellungsdisziplin mit inquisitorischem Eifer zur Indiziensammlung erniedrigt.“ Zack!

Natürlich kann und darf des liebesdummen Augusts Wunsch nach Polygamie nicht in Erfüllung gehen. Er besinnt sich auf den Schluss von Tschechows „Möwe“: Da erschießt sich der Autor Treplev, weil er als Liebender gescheitert ist. Baum aber schießt nur in die Decke seines Krankenzimmers und stellt sich theatralisch tot. In seiner Phantasie wird alles gut, er entdeckt das „Unglücksglück“.

Walser ist damit einmal mehr der Analytiker der besseren Stände: Die Leute sind zur Tragödie nicht mehr fähig, nur noch zu wohlfeilen Befindlichkeits-Schwätzereien. Diese aber bereiten großen Spaß.

Der Liebende
Martin Walser (* 24. März 1927 in Wasserburg am Bodensee) ist, wie viele seiner männlichen Figuren, ein liebender Ehemann und Seitenspringer. 1950 heiratete er Katharina Neuner-Jehle, mit der er die Töchter Franziska, Johanna, Alissa und Theresia hat, alle vier sind im Kulturbereich tätig. Mit Maria Carlsson, dritte Ehefrau des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, hat er einen Sohn, Jakob Augstein.

„Die Inszenierung“ von Martin Walser, Rowohlt Verlag, 176 Seiten, 18,95 Euro

Michael Berger

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