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Die Erziehung des Leibes

Hamburg Die Erziehung des Leibes

Mit der Ausstellung „Sports/No Sports“ wirft das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ab heute einen Blick auf die Wechselwirkung von Körperkultur und Mode.

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Tennisdress und Reiterkleidung (hinten) haben die Entwürfe vieler Modedesigner inspiriert.

Hamburg. Hoch unter der Decke hängen mit langen Armen Schaufensterpuppen am Trapez. Statt Trikot und Turnhosen tragen sie edle, von der Sportmode inspirierte Designerstücke am schlanken Leib und gewähren dem Blick ein eindrucksvolles Entree in die Ausstellung „Sports/No Sports“. Das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) eröffnet damit ganz stilgerecht auch seinen neuen zentralen Ausstellungsraum – die ehemalige Turnhalle des Hauses, die in den vergangenen Monaten in ihre ursprüngliche Anmutung und Ausmaße zurückversetzt wurde.

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Mit der Ausstellung „Sports/No Sports“ wirft das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ab heute einen Blick auf die Wechselwirkung von Körperkultur und Mode.

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Das Gebäude des MKG am Steintorplatz war 1877 als Kombination von Gewerbeschule und Museum konzipiert worden – mit Turnhalle zur Bildung von Geist und Körper. „Das war zur damaligen Zeit revolutionär“, sagt MKG-Direktorin Sabine Schulz, „hier ist 30 Jahre lang geturnt worden, und wir wollen mit der Ausstellung an die ursprüngliche Funktion des Raums anknüpfen.“ Farbige Spielfeldmarkierungen auf dem Boden, Sprossenwände, Kästen und Turnerbänke wecken Assoziationen an Körperertüchtigung und lang zurückliegende Schul-Turnstunden.

Es ist nach „Fast Fashion“ und „Sneaker“ die dritte Schau des Museumsm, die sich mit den Wirkungen und Wechselwirkungen von Mode befasst. „Sports/No Sports“ nimmt „die Versportlichung der westlichen Welt“ und ihre Einflüsse auf Dresscodes, Körperideale, Alltagsmode und Haute Couture in den Blick.

Der Sport, das darf man als Fazit der Ausstellung behaupten, hat den Körper der Frau aus den korsettierten Zwängen der Kleiderkonventionen befreit. Er hat aber auch das weibliche Körperideal radikal umgeformt von der üppigen Sanduhr-Silhouette zum androgyn-athletischen Model-Zuschnitt. Und der will, wenn nicht durch Fitness-Studio und Kalorienzählen gebildet, wenigstens durch die (wieder) aufgekommene Shaping- Wear gestylt sein – die funktionell gar nicht so weit entfernt ist vom Korsett, in dem die Frauen noch im 19. Jahrhundert ihre ersten Leibesertüchtigungen vollführten.

Der Wandel der Bademode zeigt, wie der aufblühende Bewegungsdrang den Dresscode aufweicht – erinnert aber auch daran, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass die Frauen der westlichen Welt züchtig verhüllt vom Hals bis zu den Fesseln in die Fluten tauchten. Ein Burkini – erfunden und entworfen übrigens von einer Australierin muslimischen Glaubens – hängt nicht ganz zufällig neben der Vitrine mit Badebekleidung aus der Zeit der Jahrhundertwende.

Doch die Befreiung der Frau aus den bürgerlichen Kleidungszwängen war trotz des „Zwickelerlasses“ von 1932 nicht aufzuhalten. „Frauen dürfen öffentlich nur baden, falls sie einen Badeanzug tragen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckt, unter den Armen fest anliegt sowie mit angeschnittenen Beinen und einem Zwickel versehen ist“, hatte das preußische Innenministerium damals zum Schutz der Sittsamkeit verfügt. Vergebens. Da hatten die sich Frauen längst die Hosen angezogen und zeigten Bein im Badeanzug, Turn-Trikot oder Tennisdress.

Tennis und Reitsport, die Freizeitvergnügungen der Oberschicht, haben dafür unter anderem den Weg bereitet und auch das Interesse der Modewelt am sportlichen Look geweckt. Die modebewusste französische Tennisspielerin Suzanne Lenglen (1899-1938) ließ sich ihr Outfit für den Court von Jean Patou entwerfen und wurde in kurzem Faltenrock und Kniestrümpfen zur Stilikone. Das Tennis hatte definitiv an Sexappeal gewonnen.

Heute sind die Tennisröckchen noch kürzer, immer noch sexy – und die Sphären von Sport-, Musik- und Modezirkus eng verflochten. Da zieht, zu passendem Anlass und im richtigen Rahmen, ein goldveredelter Trainingsanzug mit drei Streifen mit dem Abendanzug gleich; zur Stilikone werden jetzt Rapper wie Jay-Z, auf dessen Verse, „I don’t pop molly, I rock Tom Ford“ („Ich knall mir kein Ecstasy rein, ich rocke Tom Ford“), besagter Designer ein paillettenglitzerndes schwarzes Cocktailkleid im Stil eines Sporttrikots zuschneidet.

Und in Rio standen sich bei den Olympischen Spielen 2016 die Athletinnen in knappstem Bikini und Sport-Burkini gegenüber, als das deutsche und das ägyptische Duo zum Beach-Volleyball-Match antreten – zwischen beiden nur ein Wimpernschlag in der Geschichte der Mode und des Sports.

Das Museum

Das Museum für Kunst und Gewerbe wurde 1874 auf Initiative der Patriotischen Gesellschaft in Hamburg gegründet, die das Gewerbeschulwesen aufgebaut hatte. Der Jurist und Kunstkritiker Justus Brinckmann wurde der erste Direktor des Hauses, das 1877 als „Staatliches Technikum und Museum für Kunst und Gewerbe“ eröffnet wurde. Er wollte den „Geschmack bilden und das künstlerische Niveau des Handwerks steigern“. Das Haus am Hamburger Hauptbahnhof gilt heute als eines der führenden Museen für angewandte Kunst in Europa.

Die Schau „Sports/No Sports“ zeigt mehr als 100 Kleider, Modelle und Entwürfe von gut 40 Marken und Designern wie Adidas, Puma, Speedo, Alexander McQueen oder Yamamoto und ist von heute an bis zum 20. August 2017 zu sehen. Geöffnet Di. bis So. von 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 21 Uhr. Eintritt 12 Euro/8 Euro.

Regine Ley

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