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„Die Flughöhe des Programms bleibt“

Hamburg „Die Flughöhe des Programms bleibt“

Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie, über Fluch und Segen seines riesigen Publikumserfolgs.

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Schlange vor dem Konzerthaus: Schon über eine Million Menschen besuchten die öffentlich zugängliche Plaza auf 37 Metern Höhe.

Quelle: Foto: Sylentpress

Hamburg. Fast drei Monate ist es her, dass der Große und der Kleine Saal der Elbphilharmonie eingeweiht wurden. Seitdem gastierten in dem Konzerthaus in einem beispiellosen Reigen internationale Orchester und Solisten – vor durchweg ausverkauftem Haus. Intendant Christoph Lieben-Seutter (52) gibt Auskunft über Erfahrungen, Konsequenzen und Perspektiven.

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Christoph Lieben-Seutter, Intendant der Elbphilharmonie, über Fluch und Segen seines riesigen Publikumserfolgs.

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Herr Lieben-Seutter, sprechen Sie von „Elphi“ oder von der „Elbphilharmonie“?

Christoph Lieben-Seutter: Ich persönlich verwende den Begriff „Elphi“ nicht, weil ich finde, dass diese Verkleinerungsform dem Gebäude nicht gut ansteht. Aber es kommt natürlich im Sprachgebrauch viel leichter über die Zunge, als dieses komplexe, vielsilbige Wort Elb-phil-har-mo-nie . . .

Zurzeit scheint es so, als wäre die Elbphilharmonie auch sofort ausverkauft, wenn sich irgendein Herr Müller aus Castrop-Rauxel mit Kammblasen auf die Bühne stellen würde . . .

Lieben-Seutter: Stimmt. Das ist Fluch und Segen zugleich. Es ist schon fantastisch, diese Nachfrage zu haben. Aber sie ist eben so unglaublich groß, dass bei angekündigten Vorverkaufsterminen der Unmut wächst, weil die Schlangen an den Schaltern sehr lang sind und es trotz Aufrüstung aller technischer Systeme immer wieder zu Problemen im Internet kommt. Zudem kaufen viele Leute zurzeit irgendetwas. Dabei ist es für ein gelungenes Konzert schon notwendig, dass man mit der dargebotenen Musik etwas anfangen kann.

Wie lange wird das Gesamterlebnis noch das Konzerterlebnis überlagern?

Lieben-Seutter: Ich glaube nicht, dass man von Überlagerung sprechen kann. Man kommt auch in die Elbphilharmonie, weil man so viel Aufregendes über das Gebäude gehört hat, über das architektonische Erlebnis, den Standort, die Ausblicke . . . Aber der Kern sind ja doch die Konzertsäle. Wir hören ganz oft, dass Gäste nach ihrem fantastischen ersten Eindruck nun öfter ins Konzert kommen wollen. Genau das wollen wir erreichen.

Wann wird im Kartenverkauf eine gewisse Normalität erreicht sein?

LIeben-Seutter: Ich habe bislang prognostiziert, dass in zwei Jahren, im Frühjahr 2019, das erste Mal ein Konzert nicht ausverkauft sein wird. Aber mal sehen, die Interessenswelle ist ja zum Teil erst richtig im Anrollen – wenn ich etwa auf Reiseveranstalter oder Journalisten aus der ganzen Welt blicke . . . Natürlich haben wir uns internationales Interesse erhofft, aber mit diesem Ausmaß hat niemand gerechnet.

Wann finden Sie selbst und Ihre Mitarbeiter zur Normalität?

Lieben-Seutter: Normalität im Sinne von Routine erwarte ich eigentlich erst in der nächsten Saison. Im Moment ist es ja so, dass wir quasi noch fast täglich eine Premiere haben. Mit immer neuen Aspekten: Mal ist es die Orgel, mal der Chor, mal die elektronische Verstärkung . . . Die Anforderungen und die Abläufe sind sehr komplex. Wir merken auch, dass der Personalaufwand an einigen Stellen höher ist als erwartet. Bis wir das alles im Griff haben und die Kinderkrankheiten aus dem Gebäude sind, wird es Sommer sein.

Haben die Konzertsäle alle Vielseitigkeitsprüfungen bestanden?

Lieben-Seutter: Mehr oder weniger, wir hatten schon ein großes Sortiment an unterschiedlichen Besetzungsgrößen, Orchestern, Chor, Solokonzerte, Kammermusik, auch Jazz und Rockmusik sind mit dem Saal sehr glücklich. Es ist eindeutig einer der spannendsten Säle weltweit. Man hört unglaublich genau, was auf der Bühne passiert. Gute Musiker genießen diese Sensibilität, aber es wird den Musikern auch nichts geschenkt: Ein Mittelklasseorchester ist auch als solches erkennbar.

Mal ehrlich: Wo sitzen Sie am liebsten – wo hört man am besten?

Lieben-Seutter: Ich wechsle gerne den Platz. Optimal ist es frontal zur Bühne nicht allzu weit unten, Bereich M oder K, zwei Stockwerke über der Bühne. Aber auch hinten hoch oben über der Bühne, auf unserem Olymp, ist es sehr spannend. Man merkt, wie da der Klang zusammenwächst.

Derzeit gibt es ein Stelldichein internationaler Stars und Orchester. Ist das so durchzuhalten?

Lieben-Seutter: Im Prinzip ja. Das Programm wird in Zukunft nicht ganz so dicht sein wie in den ersten Monaten, aber das Niveau ist leicht durchzuhalten, weil die Orchester, die noch nicht da waren, alle kommen wollen, und die Orchester, die schon da waren, gleich wieder kommen wollen. Ich erlebe große Dirigenten, die total beleidigt sind, weil sie in den ersten Monaten nicht dabei waren . . .

Wie sieht es mit der Programmatik auf längere Sicht aus – wie lautet Ihre Leitlinie?

Lieben-Seutter: Die Flughöhe bleibt, höchste Qualität ist der Anspruch. Ich glaube aber, dass wir noch spannender werden in der Programmierung, also in der Auswahl. Der Saal verlangt nach der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts, und das Publikum ist bereit dafür. Gleichzeitig geht es darum, auch jenseits der klassischen Musik immer neue spannende Themen zu finden und Zusammenhänge aufzuzeigen.

Interview: Konrad Bockemühl

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