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Die Frau, die vom Kriege lebt

Lübeck Die Frau, die vom Kriege lebt

Susanne Höhne, seit zehn Jahren Mitglied des Lübecker Schauspielensembles, gibt in der Titelrolle der „Mutter Courage“ ihr Rollendebüt. Im LN-Interview spricht sie über ihren Zugang zu der Rolle und über ihr Verständnis der Handlung dieses antikapitalistischen Schauspiels, für das Bertolt Brecht selbst eine Modell-Inszenierung geschaffen hat.

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Susanne Höhne, 1970 in Augsburg geboren, gehört seit zehn Jahren zum Ensemble des Lübecker Schauspiels. Zuvor war sie unter anderem am Staatstheater Wiesbaden, am Thalia Theater Halle und bei der Bremer Shakespeare Company tätig.

Quelle: Foto: Lutz Roessler

Lübeck. Ist „Mutter Courage“ eine Traumrolle für Sie?

LN-Bild

Susanne Höhne, seit zehn Jahren Mitglied des Lübecker Schauspielensembles, gibt in der Titelrolle der „Mutter Courage“ ihr Rollendebüt. Im LN-Interview spricht sie über ihren Zugang zu der Rolle und über ihr Verständnis der Handlung dieses antikapitalistischen Schauspiels, für das Bertolt Brecht selbst eine Modell-Inszenierung geschaffen hat.

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Susanne Höhne: Bisher war sie es nicht. Ich habe diese Rolle immer respektiert, aber ich hatte sie bisher nicht mit mir in Verbindung gebracht. Umso toller war es, als sie an mich herangetragen wurde.

Hatten Sie vorher Berührung mit dem Stück?

Wenig. Ich kannte es aus der Schule, und ich habe eine Aufführung des Berliner Ensembles im Fernsehen gesehen. Aber sonst gar nicht, obwohl ich aus Augsburg komme, also aus Brecht-City. Umso schöner ist es, wenn man sich dann sehr frei der Rolle nähert.

Wie haben Sie das getan?

Es gibt ja unendlich viel Sekundärliteratur und von Brecht selbst die Anweisungen, wie das Stück zu spielen ist. Genähert habe ich mich aber über den Inhalt. Da gibt es die Mutter, die ihre Kinder liebt und versucht, sie durch den Krieg zu bekommen, also schlichtweg zu überleben. Gleichzeitig steht sie auch für den Kapitalismus, sie ist ja Geschäftsfrau und lebt vom Krieg. Das ist der Spagat. Sie braucht den Krieg, aber er soll ihr die Kinder nicht nehmen. Diesen Widerspruch finde ich extrem universal. Es geht um die Frage, was  extreme gesellschaftliche Umstände mit den Menschen machen. Und: Bin ich nur Opfer der Umstände oder habe ich auch die Wahl zu handeln?

Helene Weigel in der Inszenierung am Berliner Ensemble in den 1960er Jahren ist ja die Über-Mutter Courage. Haben Sie eine Aufzeichnung gesehen?

Ja, zum Teil. Es war sehr spannend, weil es so eine andere Art zu spielen ist. Man merkt, dass man heute viel schneller ist, dass man als Zuschauer andere Sehgewohnheiten hat und ein anderes Humorverständnis.  Auch Brechts Anweisung, das Stück genauso und nicht anders zu spielen, ist ja ein interessanter Nachlass.

Sie laufen aber nicht mit grauen Haaren in Kittelschürze über die Bühne?

Nein!  Wir haben das Stück nicht unbedingt in unsere Gegenwart geholt, aber man kann sagen: Schlichtheit siegt.

Sie sind  genau zehn Jahre am Theater Lübeck. Fühlen Sie sich wohl?

Ich bin zusammen mit Pit Holzwarth nach Lübeck gekommen, es ist eine künstlerisch sehr vielseitige Zeit mit ihm. Ich schätze das Ensemble, erlebe eine intensive Arbeit am Theater Lübeck. Ich bin sehr gerne hier und mag auch die Stadt sehr.

Und gibt es eine Traumrolle, die Sie hier gerne noch spielen möchten?

Vor ein paar Jahren gab es die noch: „Lady Macbeth“, die ich  dann auch gespielt habe. Eigentlich ist mir aber klargeworden, auch jetzt durch die „Courage“, dass ich keine Traumrolle habe.

Wenn man sich Rollen sehr wünscht und es geht dann in Erfüllung, ist es manchmal gar nicht so spannend, wie man es sich vorgestellt hat. Ich habe jetzt erfahren, dass ganz überraschende Rollen so viel Potenzial haben, weil man sich sehr frei auf eine Figur einlässt. Weil man keine Erwartung hat, wie es zu sein hat. Ich hoffe, dass es immer so vielseitig bleibt und ich immer überrascht werde.

Interview: Petra Haase

„Der kleine Mann kann nur verlieren“

„Labor – Mutter Courage“ lautet der Titel der Lübecker Inszenierung – warum? „Das war eine Auflage des Verlages, weil wir nicht nur den Originaltext benutzen, sondern auch Fremdtexte, die wir in einen assoziativen Zusammenhang mit dem Geschehen auf der Bühne stellen. Deshalb mussten wir den Titel erweitern“, sagt Andreas Nathusius. Am Theater Lübeck ist er bestens bekannt durch seine Klassiker-Inszenierungen, zuletzt brachte er eine Dramatisierung von Günter Grass’ „Die Blechtrommel“ auf die Bühne. „Wir sind in unserer Ausstattung sehr dicht an Brechts Muster-Inszenierung, ohne sie kopieren zu wollen“, sagt der Regisseur. „Wie werden auch Szenen aus der Verfilmung der ,Mutter Courage‘ zeigen, die dann von den Spielern auf der Bühne synchronisiert werden.“

Die Figur der Mutter Courage, die mit und durch den Krieg existiert, sieht Nathusius als Symbol für alle, die am Krieg verdienen. „Die Mechanismen haben sich nicht verändert, das werden wir auch mit den Fremdtexten deutlich machen, in denen es unter anderem um Waffenhandel und die Rolle der Banken geht“, sagt Nathusius. „Der kleine Mann oder die kleine Frau ist immer der Verlierer im Krieg, sie können am Krieg nicht verdienen.“

Lösungen dieser Problematik bietet Brechts 1941 uraufgeführtes Stück nicht an. Nathusius: „Es ging Brecht darum, Mechanismen aufzuzeigen, den Krieg als Auswuchs des kapitalistischen Systems zu brandmarken. Und dafür ist Mutter Courage das beste Beispiel: Sie kann aus dem System nicht aussteigen, obwohl sie alles verliert.“ Fel

Klassischer Brecht

Bertolt Brecht schrieb sein Drama „Mutter Courage“ 1938/39 im schwedischen Exil, uraufgeführt wurde es 1941 in Zürich. Die Mutter Courage ist weiterhin beispielhaft für Brechts Konzept des epischen Theaters. Die Zuschauer sollen kritisch und distanziert die Ereignisse auf der Bühne analysieren, nicht gefühlvoll das Schicksal eines positiven Helden miterleben. Das Drama wurde mehrfach vertont und von der Defa im Stil der Brecht-Inszenierung verfilmt.

Premiere ist am Freitag um 19.30 Uhr im Großen Haus des Theaters.

LN

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