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Kultur im Norden Die Gabe des Gebens
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17:16 19.12.2017
Der Gabentisch als Statussymbol: Geschenke für ein Mädchen aus dem Wiener Bürgertum um 1835. Quelle: Fotolia
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Lübeck

Der Durchschnittseuropäer besitzt angeblich um die 10000 Gegenstände, von denen die meisten entbehrlich sind. Sich von Besitztümern zu trennen, ist zum Trend geworden. Was also da noch unter den Tannenbaum legen? Vieles landet unbeachtet und ungeliebt in Schubläden und Schränken: Spielzeug, das Kinder bald aus der Hand legen, Bücher, die niemals gelesen werden, Klamotten, die der Beschenkte nicht trägt. Oder es wird umgetauscht gleich nach Weihnachten, wenn die Geschäfte wieder geöffnet sind.

Schenken macht glücklich, hat ein internationales Forscherteam der Universität Lübeck um die Psychologie-Professorin So Young Park herausgefunden. Denn dass Geben seliger denn Nehmen ist, steht ja schon in der Bibel.Es kann aber zur Last werden in einer Gesellschaft, in der die meisten viel mehr besitzen, als sie verwenden oder einsetzen können.

Statistikern zufolge wollen die Deutschen dieses Jahr 465,70 Euro für Geschenke ausgeben. Das sind rund 2,5 Prozent weniger als im Vorjahr – trotz der guten Wirtschaftslage und steigender Einkommen. Das Institut für Empirie und Statistik der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Essen hat das in einer breit angelegten Umfrage herausgefunden. Als mögliche Gründe werden Unsicherheiten „bei den Themen Eurokrise, Steuern, Zinsentwicklung, Flüchtlinge und Weltpolitik“ vermutet. Vielleicht liegt es aber auch an etwas anderem: an einer wachsenden Verweigerung.

Wohl fast jeder weiß aus seiner Familie, aus seinem Freundeskreis: Es steigt die Zahl derer, die auf Weihnachtsgeschenke verzichten, ganz oder zumindest weitgehend. Weil nichts gebraucht wird. Oder auch, weil man als Schenkender nicht langweilen möchte. Und schon gar nicht in Fallen tappen. Wenn Gaben missfallen, kann dies beziehungs- und freundschaftsgefährdend sein.

Holger Schwaiger, Dozent am Institut für Soziologie an der Universität Erlangen und Autor eines Buches über das Schenken, weiß zu sagen, was da schiefgelaufen ist. Ein Geschenk sei missglückt, „wenn der Beschenkte überhaupt nicht nachvollziehen kann, was das Geschenk mit ihm zu tun haben soll. Dann haben Sie seine Vorlieben und Abneigungen, vielleicht sogar seine ganze Lebenseinstellung völlig falsch eingeschätzt.“

Wie man es richtig macht, weiß der Soziologe selbstverständlich auch. Man müsse die „schwierige Eigenschaft beherrschen, sich in andere einzufühlen“, was nur durch ständiges Finetuning gehe, sagte Schwaiger in einem Interview dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Manchmal ist also Detektivarbeit gefragt, damit ein Geschenk Freude macht. Man sollte nicht nur einigermaßen Bescheid darüber wissen, was der andere mag an Literatur, Musik oder welche Hobbys er hat, sondern auch darüber, was er schon besitzt.

Die Geschenke, die am häufigsten auf dem Einkaufszettel der Deutschen stehen, sind übrigens Bücher, Spielsachen, Kleidung oder Accessoires sowie Gutscheine. Weit vorn liegen auch gemeinsame Unternehmungen wie Kino-, Theater- oder Konzertbesuche. Auch Geldgeschenke werden häufig gemacht. Laut FOM-Studie gehören sie jedoch nicht zu den größten Freudenbringern. In der Studien, an der über 50000 Menschen teilgenommen haben, wurde auch gefragt, worüber sie sich am meisten freuen würden. Geld und Geschenke waren nicht so gefragt. Mehr als die Hälfte, 58 Prozent, antworteten: über frei gestaltbare Zeit.

Als Erfinder der Weihnachtsgeschenke können übrigens wohl die Heiligen drei Könige gelten, die dem Jesuskind Geschenke brachten. Dass sich gemeine Menschen gegenseitig beschenkten, wurde aber erst viel später üblich. Im 13. Jahrhundert soll damit begonnen worden sein. Lange war der Nikolaustag der Tag der Geschenke. Martin Luther bereitete dem ein Ende, weil er der Meinung war, dass nicht der heilige Nikolaus, sondern Jesus Christus im Vordergrund stehen muss.

In Deutschland findet nun traditionsgemäß am frühen Abend des 24. Dezembers die Bescherung statt. Andere Länder, andere Sitten: In Südeuropa werden am Dreikönigstag, am 6. Januar, Geschenke gemacht.

Und weil Schenken im Prinzip etwas Schönes ist, wird Weihnachten auch in nicht-christlichen Ländern und auch von Nichtchristen gefeiert. Hier beschränkt man sich allerdings oft ganz auf den großflächigen Austausch von Gaben. In Südkorea ist Weihnachten sogar Feiertag.

Dass Schenken ein komplexer Vorgang ist, der nicht nur altruistisch ist und der Stress und noch weit ernstere Probleme auslösen kann, veranschaulicht ein Brauch der Ureinwohner der Küstenregionen im Nordwesten Amerikas. Dort wurde und wird Potlatch praktiziert, was bedeutet, dass zu besonderen Gelegenheiten bei Festen, Potlatchs genannt, Geschenke verteilt oder ausgetauscht wurden. Je kostbarer die Gaben, desto größer die Bedeutung des Gebers. Das führte dazu, dass Stämme sich gegenseitig zu übertrumpfen versuchten, selbst um den Preis, sich zu ruinieren. Potlatchs waren deshalb in Kanada für viele Jahre verboten.

Von Liliane Jolitz

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