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Kultur im Norden Die Geburt der USA aus der Tragödie
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20:26 02.07.2013
Von Jürgen Feldhoff
„Seid nicht mutlos“: Robert E. Lee, der Oberkommandierende der Südstaatler, reitet durch die Reihen seiner geschlagenen Armee. Bild: Kean Archives

Am Ende des dritten Tages der Schlacht von Gettysburg waren mehr als 50 000 Amerikaner tot oder verwundet, die Nordstaaten und die Südstaaten hatten einen ähnlich hohen Preis gezahlt in diesem mörderischen Ringen. Der Norden hatte mit dem Sieg von Gettysburg die Oberhand behalten und den Bürgerkrieg für sich entschieden, auch wenn das am 3. Juli 1863 kaum jemand ernsthaft glaubte. Aber der Süden erholte sich nicht mehr von den Verlusten, die er bei seinem zweiten Vorstoß auf das Territorium der Nordstaaten erlitten hatte.

Das kleine Städtchen Gettysburg, bei dem die Armeen zusammenprallten, war der entscheidende Wendepunkt des Sezessionskrieges. Die Schlacht war aber auch die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika, wie sie heute existieren.

Wenn man heute von Washington nach Gettysburg fährt, kommt man an der Farm vorbei, auf der Dwight D. Eisenhower, Oberkommandierender der Alliierten im Zweiten Weltkrieg und später Präsident der USA, seinen Lebensabend verbrachte. Wenig später erreicht man den Nationalfriedhof, auf dem die meisten Opfer des dreitägigen Gemetzels beigesetzt sind, bevor man in das Städtchen Gettysburg hinein- und gleich wieder hinausfährt.

Das Schlachtfeld, ein National Military Park, liegt südlich des Ortes und ist perfekt mit Besucherzentrum, Andenkenladen und Museum ausgestattet. Eine nur in einer Richtung befahrbare gepflegte Straße verbindet die Brennpunkte des Kampfgeschehens. Was auffällt, sind die unzähligen Mahnmale der einzelnen Bundesstaaten, deren Truppen in der Schlacht kämpften, und die Denkmäler der Regimenter und Divisionen, die bis zu 90 Prozent ihrer Soldaten einbüßten. Eine Denkmal-Landschaft ohnegleichen ist das Schlachtfeld, an manchen Punkte aber kann man sich noch immer in die Zeit vor 150 Jahren hineinversetzen. Im Devil‘s Den zum Beispiel, einer bizarren Felslandschaft, in der die Bäche in jenen Tagen Anfang Juli vor 150 Jahren vom Blut der Getroffenen rot gefärbt wurden.

Das entscheidende Ringen zwischen Nord und Süd spielte sich zwischen zwei Hügelketten südlich von Gettysburg ab. Den westlichen hielten die Konföderierten, auf dem östlichen waren die Unionssoldaten in Stellung gegangen. Robert E. Lee, der Oberkommandierende der Südstaatler und beste Stratege des Krieges, hatte zwei Monate zuvor die Nordstaatler bei Chancellorsville in Virginia vernichtend geschlagen. Da der Süden völlig ausgeblutet war, versuchte Lee den Krieg nach Norden zu tragen und marschierte nach Pennsylvania, um Proviant und Schuhe für seine Leute zu erbeuten, die zum großen Teil barfuß marschierten. Östlich von Lees Route marschierte die Unions-Armee unter ihrem Kommandeur George G. Meade nach Norden. Bei Gettysburg trafen die Heere ungewollt zusammen, die größte Schlacht des Bürgerkrieges begann am 1. Juli 1863 eher zufällig.

Lee versuchte, die Reihen der Union auf dem östlichen Hügelzug durch Angriffe auf den Flügeln aufzurollen, zwei lange Tage lang. Culp‘s Hill im Norden und die Round Tops im Süden sind in den USA seitdem mythische Erinnerungsorte wie Verdun für Frankreich oder die Somme für England. Die Versuche, die Nordstaatenfront zu umfassen, misslangen unter dramatischen Umständen und hohen Verlusten. Am dritten Tag setzte Lee dann alles auf eine Karte: Er ließ 12 500 Mann seiner Infanterieeinheiten über einen Kilometer deckungsloses Feld hinweg das Zentrum der Union angreifen — das Ergebnis war ein Blutbad. Am nächsten Tag begann Lee seinen Rückzug nach Virginia.

Wären Lees Pläne aufgegangen, hätte zwischen seinen Truppen und der Unionshauptstadt Washington keine feindlichen Truppen mehr gestanden, ein Sieg über den Norden wäre in greifbarer Nähe gewesen. Hätte Lee Schwerpunkte gebildet und die sich bietenden Chancen mutiger genutzt, hätte er den Krieg in Gettysburg beenden können. Ebenso George G. Meade: Wenn er seine Armee zur gnadenlosen Verfolgung der demoralisierten Südstaatler eingesetzt hätte, wäre die Konföderation am Ende gewesen. So aber ging der Krieg noch anderthalb blutige Jahre weiter, bis Lee kapitulieren musste.

Gettysburg ist noch immer aktuell. Präsident Abraham Lincoln hielt fünf Monate nach der Schlacht eine Rede zur Einweihung des Soldatenfriedhofs von Gettysburg. Zweieinhalb Minuten dauerte sie nur, aber sie gehört zum historisch-kulturellen Erbe der USA. Und sie beinhaltet die wohl beste Definition des Begriffs Demokratie: „Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk.“ Dafür seien die Männer bei Gettysburg gestorben, sagte Lincoln. Die so definierte Demokratie war es, die die USA nach dem Bürgerkrieg — wenngleich unter Schmerzen — wieder vereinten im Sinne von Freiheit und Gleichheit.

Ein Preuße im Südstaaten-Heer
Johann August Heinrich Heros von Borcke (1835-1895) war eine der skurrilsten Gestalten in der Südstaaten-Armee. Der Preuße hatte als Berufsoffizier beim 2. Brandenburgischen Dragonerregiment gedient. Wegen hoher Schulden musste er den Dienst quittieren und ging 1862 in die USA — ausgerechnet in die Südstaaten. Dort wollte er den Freiheitskampf des Südens unterstützen, meldete sich freiwillig und brachte es bis zum Adjutanten des legendären Reitergenerals Jeb Stuart.

Auf dem Marsch nach Gettysburg wurde der zwei Meter große und 130 Kilo schwere Heros von Borcke bei einem Gefecht mit Unions-Kavallerie schwer verwundet und musste seinen Dienst quittieren. Er ging zunächst in diplomatischer Mission für die Konförderation nach England und dann zurück nach Preußen, wo er sofort wieder in die Armee eintrat und am Krieg gegen Österreich 1866 teilnahm.

Von Borcke kämpfte unter anderem in der Schlacht von Königgrätz, musste aber seiner alten Verwundung Tribut zollen und den Soldatenrock ausziehen. Er schrieb mehrere erfolgreiche Bücher über seine amerikanischen Abenteuer und hisste auf seinem brandenburgischen Gut die konförderierte Flagge. Seine einzige Tochter nannte von Borcke Virginia.

Jürgen Feldhoff

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