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Kultur im Norden Die Jahre mit dem Heroin
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19:12 20.06.2017
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Was war letztlich der Grund für Ihre Sucht?

Günter Märtens: Es gibt nicht den einen Grund, es war die Gesamtsituation damals. Ich hatte harte Drogen immer strikt abgelehnt. Aber dann flog unsere Band auseinander, an der mein ganzes Herzblut hing, das Zeug kam auf den Tisch, die jugendliche Risikobereitschaft war da – und schon war es passiert. Es war ein schwacher Moment und eine Entscheidung mit fatalen Folgen.

War es ein Weglaufen?

Nein, es diente eher dazu, einen Verlustschmerz zu übertünchen. Um die Traurigkeit und die Enttäuschung wegen der Band nicht zu spüren. Und ich habe die Droge natürlich gewaltig unterschätzt.

Wie oft haben Sie versucht aufzuhören?

Mehrmals. Und es gab auch Phasen wie ein Urlaub in Spanien, in denen ich körperlich clean war. Aber im Kopf war ich noch lange nicht so weit. Das ist ein Riesenunterschied. Deswegen bin ich auch wieder rückfällig geworden, als ich nach Hamburg zurückkam.

Und dann sind Sie 1983 zum David-Bowie-Konzert nach Bad Segeberg gefahren und haben während der Fahrt beschlossen aufzuhören. Was ist da passiert?

Da hatte ich so etwas wie eine spirituelle Erscheinung. Es war Sommer und ich sah diese wunderbaren Hitzespiegelungen auf der Landstraße, wie riesige Seen. Ich fühlte mich in diese herrliche Sorglosigkeit meiner Kindheit zurückversetzt. Nun wollte ich wieder genau dahin, es kam einfach so in mir hoch, ich konnte das gar nicht stoppen. Es waren Freunde mit mir im Auto, die nichts mit Heroin zu tun hatten, die gesund waren und gut drauf. Und die mir klarmachten: ,Jetzt bist du am Zug, Langer, du musst was ändern!’ Ich fühlte mich auf einmal wie ein getretener Hund. Das war eine Initialzündung. In dem Moment hab’ ich gesagt: Jetzt reicht’s. Nach fast sieben Jahren Himmel und Hölle.

Was hat Ihnen in der Therapie am meisten geholfen?

In erster Linie der zeitliche Abstand. Dass ich das zwei Jahre durchgezogen habe und weg war von der Szene. Ich musste erst mal vier Wochen nach Ochsenzoll für den körperlichen Entzug, dann geht man in die Therapieeinrichtungen. Schon beim Betreten von Ochsenzoll fiel eine Last von mir ab. Es zog mich alles hin zu einem suchtfreien Leben. Ich habe nicht eine Sekunde an meiner Entscheidung, in Therapie zu gehen, gezweifelt.

Obwohl Sie in Ihrem Buch auch die Faszination der Droge und der Rituale beschreiben. Ist das nicht riskant?

Es ist nicht riskant, darüber zu schreiben. Es ist nun mal so wie zum Beispiel bei einem Trinker, der morgens seinen Schnaps braucht. Aber ich hatte zum Glück noch andere Rituale, die ich in der Musik mit Leidenschaft zelebrierte. Ich hatte eine Ausweichmöglichkeit, und die meisten Süchtigen, die ich kannte, hatten das nicht.

Gibt es irgendetwas Positives aus diesen sieben Jahren?

Ja, gibt es. Ich habe mich beim Schreiben oft gefragt, was ich wohl ohne die Drogen gemacht hätte. Ich glaube, ich wäre heute auch ein glücklicher Mensch, aber es hat mir auf eine Art geholfen, mich selbst zu finden. Mich ernst zu nehmen und zu akzeptieren, was ich vorher nicht getan hatte. Ich hatte wahnsinnige Minderwertigkeitskomplexe, die ich aber nicht gezeigt habe, weder vor anderen noch vor mir selbst. Mit diesen Dämonen umzugehen und sie unter Kontrolle zu halten, dabei hat mir die Sucht tatsächlich geholfen – in Verbindung mit der anschließenden Therapie natürlich. Es war schon ein sehr radikaler Weg zu mir selbst, den ich niemandem empfehlen würde, denn der Preis und das Risiko sind viel zu hoch.

Für wen ist das Buch geschrieben? Für Sie selbst, als eine Art Befreiung, als Rechenschaft?

Es war ja gar nicht als Buch geplant. Ich habe mit meinem Freund Martin mit dem Heroin angefangen. Er hat den Absprung nie geschafft und ist vor zehn Jahren gestorben. Wir haben damals gesagt, lass uns das alles mal aufschreiben. Es waren ja auch so viele absurde Momente dabei. Die Komödie in der Tragödie. Nach seinem Tod habe ich mich hingesetzt und es tatsächlich aufgeschrieben, sechs Jahre letzten Endes. Freunde lasen es, meinten, das müsste ein Buch werden, und dann ist es wirklich eines geworden.

Und zwar ein ziemlich schonungsloses. Wie ist das, wenn man so völlig nackt dasteht?

Ich habe mich ja nur entblößt für diese Zeit. Und diese Zeit steht für sich. Wer mich deshalb heute verurteilen wollte – gut, damit kann ich leben. Für mich ist es wie ein Blick auf ein altes Schwarzweißfoto von mir. Interview: Peter Intelmann

LN

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