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Die Katzenhafte

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Das Gesicht der Nouvelle Vague: Jeanne Moreau hat unvergessliche Rollen kreiert. Nun ist der französische Leinwandstar und Männerschwarm gestorben.

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Kunst aus dem DDR-Palast

Die Nouvelle Vague machte sie zum Star des französischen Kinos. Jetzt ist die Schauspielerin Jeanne Moreau mit 89 Jahren gestorben.

Paris. Wo soll man bei Jeanne Moreau bloß anfangen? Bei der Lässigkeit, mit der sie eine Zigarette rauchte? Bei ihrem aufreizenden Gang auf Stöckelschuhen? Bei ihrer verführerisch kratzigen Stimme? Moreau war anders als so viele andere Leinwand-Berühmtheiten ihrer Zeit, die wie Sophia Loren oder Brigitte Bardot auch als Sexsymbol gefallen wollten. In ihren Rollen ließ sie einen Willen zur Unabhängigkeit erkennen, eine katzenhafte Eigensinnigkeit und die Bereitschaft, jederzeit gegen Anweisungen zu rebellieren.

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Das Gesicht der Nouvelle Vague: Jeanne Moreau hat unvergessliche Rollen kreiert. Nun ist der französische Leinwandstar und Männerschwarm gestorben.

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Aber das musste sie gar nicht, jedenfalls nicht gegenüber den Regisseuren, die ihrer Kunst gleich reihenweise erlagen. „Ich brauchte ihr nur zu folgen, fast ohne sie zu korrigieren“, hat Luis Buñuel über sie gesagt. Und dann bemerkte der Regisseur, mit dem sie „Tagebuch einer Kammerzofe“ (1964) drehte: „Wenn sie geht, zittert ihr Fuß leicht auf dem Absatz des Schuhs, ein Mangel an Stabilität, der beunruhigt.“

Als Louis Malle die Dreißigjährige in „Fahrstuhl zum Schafott“ (1957) als mörderische Ehebrecherin inszenierte, ließ er sie ohne künstliches Licht über die nächtlichen Champs-Élysées spazieren, getrieben nur von den Trompetentönen eines Miles Davis. Die beleuchteten Schaufenster genügten: Moreau strahlte von innen heraus. Von da an galt sie als das Gesicht der französischen Nouvelle Vague.

Der Film, mit dem sie sich tiefer als mit jedem anderem in die Kinogeschichte einschrieb, war „Jules und Jim“ (1962) von François Truffaut. Moreau spielte Catherine, die freiheitsliebende Frau zwischen den zwei Männern in dieser tragisch endenden Ménage à trois. Süffisant bemerkte Truffaut: Sie habe alle Attribute einer Frau und auch alle Vorzüge eines Mannes, ohne jedoch zugleich die männlichen Fehler zu haben. „Sie ist ein Star, zu dessen Glamour die Intelligenz gehört“, schrieb der Kritiker Peter W. Jansen. Das sah man in jedem ihrer großen Filme, das erwies sich in ihrer Rollenwahl und ihrem Mut, ihr eigenes Starbild immer wieder infrage zu stellen.

Moreau verkörperte kein klassisches Schönheitsideal. Ihre intellektuelle Ausstrahlung und ihre demonstrative Distanziertheit machte sie zur großen Rätselhaften. In beinahe jeder Rolle traute man ihr zu, vorgegebene gesellschaftliche Bahnen mit größter Selbstverständlichkeit zu verlassen.

Geboren wurde Jeanne Moreau 1928 als Tochter einer britischen Tänzerin und eines französischen Gastronomen in Paris. Zunächst hatte die Begeisterung fürs Theater sie gepackt, die sie auch später nie ganz loslassen und bis an den Broadway führen sollte. Doch stellte Moreau fest: „Alles Revolutionäre spielt sich auf der Leinwand ab.“ Und so wählte sie das Kino.

Ihre Filme suchte sie sich nach den Regisseuren aus. „Es gibt nichts Intimeres als die Zusammenarbeit mit einem Filmregisseur. Ich trage die Verantwortung dafür, die Fantasien des Regisseurs zu verkörpern“, so die Französin. Sie tat sich mit den bekanntesten Filmemachern zusammen, mit Michelangelo Antonioni („Die Nacht“), Orson Welles („Der Prozess“), Roger Vadim („Gefährliche Liebschaften“), später auch mit jüngeren Kollegen wie dem Franzosen François Ozon („Die Zeit, die bleibt“), denn die Neugier hatte die Schauspielerin nie verlassen. Faszinieren ließen sich auch deutsche Filmemacher: Rainer Werner Fassbinder besetzte sie als Puffmutter in „Querelle – Ein Pakt mit dem Teufel“, Wim Wenders holte sie für „Bis ans Ende der Welt“ vor die Kamera.

„Wenn ich spiele, dann nicht, um einen Schritt in meiner Karriere voranzukommen, sondern um einen Schritt mehr ins Leben zu setzen“, sagte Jeanne Moreau einst über sich. So hielt sie das bis ins Alter, führte auch gelegentlich Regie. Und ließ sich immer wieder auf neue Filmabenteuer ein, etwa in „Visage“ (2009) des berühmten taiwanesischen Filmemachers Tsai Ming-Liang oder 2012 in „Gebo et l’ombre“ des damals schon über 100 Jahre alten Portugiesen Manoel de Oliveira.

Ein Leben ohne die Schauspielerei konnte sie sich nach eigenen Worten nicht vorstellen: „Ich höre erst auf, wenn ich tot bin.“ Nun ist Jeanne Moreau im Alter von 89 Jahren in ihrer Pariser Wohnung gestorben.

Liebende, Hure, Femme fatale: die Rollen der Moreau

Jeanne Moreau war einer der großen Stars des europäischen Kinos. Ihre Glanzrollen:

„Fahrstuhl zum Schafott“ (Kinostart 1958): Louis Malles Thriller verschafft Moreau den internationalen Durchbruch. Die grazile Pariserin war zu diesem Zeitpunkt, bevor ihre Leinwandkarriere begann, bereits ein Star des französischen Theaters. Mit 20 Jahren war sie eine der jüngsten Schauspielerinnen, die in die ehrwürdige Comédie française aufgenommen wurden.

„Die Liebenden“ (1958): Sie spielt darin eine großbürgerliche Ehefrau, die ihren Mann wegen eines Studenten verlässt, den sie am Abend zuvor kennengelernt hat.

„Jules und Jim“ (1962): François Truffauts Geschichte einer Dreierbeziehung wird zu einem ihrer größten Erfolge.

„Tagebuch einer Kammerzofe“ (1964): Eine Satire auf die französische Bourgeoisie, in der Luis Buñuel ihre Erotik ausspielt.

„Eine Dame in Paris“ (2012): In einem ihrer letzten Filme brilliert Jeanne Moreau als herrschsüchtige alte Frau, die der Vergangenheit und ihren Liebhabern nachtrauert.

Stefan Stosch

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